Tag 5

Preisverleihung. Ein Spektakel, wie jedes Jahr. Nils trägt ein schickes Sakko und die Auszeichnungen der besten Kurzhördokus werden vergeben. Ich muss sehr lachen, die Plätze zwei, drei und vier haben sehr viel Charme. Ein Musikus aus Dresden und sein sinnliches Universal-Druckluftorchester; ein Fleischer, der sich mit seinem Hackebeil nicht mehr so schnell etwas sagen lässt und, wer kennt es nicht, der Brief, der nicht ankommt. Oma, da haben wir‘s. Manchmal ist es eben besser, du legst mir keinen Schein mit rein. Vital kritzelt mir Quatsch auf den Block, ich kritzle zurück und kriege seine fiesen Stirnfalten ab, die sagen: Jetzt nicht! Na toll.

Es geht weiter mit einer Live-Soundperformance von Christian Claus, Aufnahmen aus Besprechungen und Diskussionen der letzten DokKa-Jahre, pfiffig zusammen gefügt. So taucht natürlich auch einer von Nils Lieblingssätzen auf: „So, die Zeit ist fortgeschritten.“ Soll heißen: Wir müssen zügig weiter machen. (Oft gehört, mit den letzten, hastig in den Mund gestopften Mittagsessensresten.)

Also, weiter geht`s. Die große Preisverleihung folgt. Der Nachwuchspreis geht an Marie Falke, für ihre Dokumentation Trial and Error, über Gideon Bachmann. Ein intimer Einblick in sein Leben, bevor er starb, eine innige Beziehung zwischen Jung und Alt. Wir gratulieren!

Franz, jetzt habe ich gestern so viel an dich gedacht, für dich getanzt und da ist er, der Preis für die beste Hördokumentation. Es freut mich sehr. Jürgen Pettiger musste via Facetime angerufen werden. Fast passiert Nils hier ein Fauxpas: Die beiden Preisträger sind gespeichert unter „Hören“ und „Sehen“. Drückt er doch tatsächlich den Sehen-Button! Fast hätten wir zu früh erfahren, dass Bernd Schoch den großen DokKa Karlsruhe Preise, mit 1500 Euro dotiert, gewinnt. Denn auch er ist nicht mehr in Karlsruhe, sondern im schönen Hamburg. Er öffnet sich ein Pils (haha) im Kreise der Familie und erzählt, dass er ein großes Fest geben wird, mit und für die Menschen, die er in Rumänien begleitete. Das ist eine schöne Vorstellung, besser könnte das Preisgeld nicht investiert werden.

Danach gibt es auch für Vital und mich ein Pils, wir lassen den Tag Revue passieren. Denn abgesehen von der Preisverleihung gab es heute auch noch zwei Hördokumentationen und zwei Filme.

Wir haben mit Emrah Gradina in einem Hotel in Serbien auf bessere Zeiten gewartet und auf einen Pass, den er immer noch nicht besitzt. Er hat eine kriminelle Vergangenheit in Deutschland, wurde abgeschoben und kann nicht zurück. Er wurde in Serbien geboren, fühlte sich dort aber nie Zuhause. „Ich bin hier mehr Ausländer als in Deutschland.“ sagt er. Bella Palanka. Straßenhunde und verlassene Häuser. Er sitzt hier mit anderen Straftätern in der Verbannung fest.

Johanna Bentz hat nicht nur diese Hördokumentation gemacht, sondern auch einen Film, der ebenfalls bei dokKa eingereicht wurde. Das Filmen war teilweise jedoch schwierig, fast wurde sie einmal verhaftet, erzählt sie anschließend. Zu Emrah hatte sie eine gute, fast freundschaftliche Beziehung, auch wenn sie natürlich vieles trennt, wie sie selber sagt, und er sie belog.

In Nachbarn entstehen dank 360-Grad-Kameraschwenks Räume. Ortschaften, ihre Bewohner*innen und ihr Umgang mit Geflüchteten. Die Kamera dreht sich; Straßen, Parks, Zäune und Flüchtlingsunterkünfte mit verkohlten Fenstern und Türen.

Wir hören die Stimmen von unterschiedlichen Personen, die Christiane Schmidt und Pary El-Qalqili auf der Straße begegneten. Die Äußerungen sind sehr unterschiedlich, teilweise auch sehr erschreckend. Dennoch war es den Filmemacherinnen wichtig, neutralen, vielschichtigen Raum zu schaffen, keinen Film zu machen, der verändern will. Auch wenn es in erster Linie um die Frage geht: Woher kommt der Ärger, die Gewalt und das Desinteresse an Geflüchteten. Der Film ist nur 27 Minuten lang, für einen längeren Film fehlte leider die Förderung.

 

Mischa Hedingers Dokumentation könnte verstörender nicht sein. Der weiße Mann; René Gardi, Schweizer Filmemacher und Fotograf, mit der Kamera auf Reisen, auf der Suche nach den ‚Wilden‘, der unberührten Natur, dem unberührten Leben. Er stampft und stapft, zerrt und zwingt, rüttelt; gräbt sich ein, beißt sich fest. Dazu diese Texte, unangenehm vorgelesen, Gardis Gesicht ─ das alles ─ mir geht es nicht gut damit.

„Die Primitiven brauchen unsere Hilfe.“ Da wird einem schwindelig. Die Aufnahmen spiegeln uns, unsere Geschichte.

Steuern werden eingeführt; Geld, fremde, westliche Strukturen. Oh Wunder, etwas verändert sich. So sollte es doch nicht sein, wo ist es dann, das unberührte, romantisierte Wilde, das Exotische. Puhh… Aber das macht diese Dokumentation ja aus, die Spiegelung, die kritische Auseinandersetzung.

Zudem durfte ich heute Der Sturm ─ Theater als Reise zum Menschen mithören. Evelyn Dörr, die Macherin dieses Hörstücks, habe ich gestern schon auf der DokKa gesehen und ihre Schuhe und angenehmes Lächeln bewundert. Ein großes akustisches Erlebnis. Es geht um Shakespeares Der Sturm sowie Peter Brook und Jerzy Grotowski.

Die Wahl der Schauspieler*innen finde ich großartig. Ich mag es, wie sie nebeneinander her murmeln, aneinander vorbei sprechen. Vor allem Lilith Stangenberg, die man aus dem deutschen Fernsehen kennt; aus wunderbaren Filmen wie Wild. Ich lausche ihr gerne und sehe mich gleichzeitig großen Fragen der menschlichen Existenz ausgesetzt.

Wie so oft hier, auf der DokKa Karlsruhe. Danke, dass wir wieder dabei sein konnten.

Wir durften reisen und forschen, lauschen und Fragen stellen, neue Erkenntnisse gewinnen, tolle Gespräche führen, interessante Künstler*innen treffen, lachen und weinen, suchen und finden. Ich bin sehr inspiriert.

Moment… Und wo ist eigentlich der Herr, der die Kinemathek betrat, auf der Suche nach einer Toilette und in der Hand: eine riesige Skulptur aus grünen Luftballons. Er sagte, er komme wieder. Ach Karlsruhe, schön verrückt ist es immer mit dir.

Und jetzt sind die meisten schon wieder fort, wir haben uns verabschiedet, sitzen noch ein wenig hier und tippen- ein wenig traurig.

Eine Dame kommt aus der Vorstellung, Olanda wurde nochmal gezeigt. Sie sagt, nach dem Krieg musste sie auch Pilze sammeln.

„Aber wie froh waren wir, dass der Krieg vorbei war.“, sagt sie. Und: „Der Krieg ist das schlimmste.“

Sie scheint berührt, fühlt sich erinnert und sagt: „Das ist es, das Lebensnahe an der Dokumentation.“

Erinnern. Erinnerungen säen.

 

Wir werden uns auch erinnern. An ein weiteres, fantastisches DokKa 2019.

 

Vielen Dank und bis bald,

 

Vital und Lara.