Zur Situation der Filmfestivals

von Nils Menrad


In den letzten Monaten konnten aufgrund des Corona-Lockdowns eine Vielzahl von Festivals nicht wie gewohnt stattfinden. Die Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen, das DOK.fest München, die Diagonale in Graz, das Internationale Trickfilmfestival in Stuttgart, das Lichter Filmfest in Frankfurt, die Hamburger Dokumentarfilmwoche und auch das von mir geleitete Dokumentarfestival dokKa in Karlsruhe. Die traurige Liste der Absagen könnte noch ein gutes Stück erweitert werden. Für Festivals gab es zu Beginn der Pandemie nur zwei Optionen. Das Festival komplett absagen oder eine Online-Ausgabe aus dem Boden stampfen. Festivals die im April oder Mai geplant waren, hatten hierbei kaum Vorbereitungszeit. Ein möglicher Ausfall zeigte sich zudem teilweise existenzbedrohend. Nicht nur die bereits geleistete Arbeit wäre umsonst gewesen, auch erhaltene und ausgegebenen Gelder hätten aufgrund der Förderbedingungen eventuell zurückgezahlt werden müssen. Also stürzten sich viele in das Abenteuer „Online“. Große Erwartungen bezüglich der Rezeption durch die Zuschauer oder den Ablauf im digitalen Raum gab es nicht. Eigentlich eine wunderbare Hexenküche, um sich angstfrei einer bisher undenkbaren Form zu widmen: einer Festivalausgabe, die ausschließlich im digitalen Raum stattfindet. Viele haben diese Herausforderung als Chance begriffen und sich experimentierfreudig auf dieses Terrain gewagt. Das DOK.fest München wurde von den virtuellen Besuchern regelrecht überrannt und verzeichnete laut eigenen Aussagen 75.000 Abrufe. Lars Henrik Gass von den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen äußert sich ebenso optimistisch. In rund 60 Länder seien Festivalpässe verkauft worden, der Andrang habe alle Erwartungen übertroffen. Das Internationale Trickfilmfestival in Stuttgart verlegte ebenso alle Workshops, Vorträge und Filmprogramme ins Netz und berichtete von großem internationalem Zuspruch. Viele Teilnehmer würden zudem auf ein Online-Angebot im nächsten Jahr hoffen. 

Während diese Festivalmacher zufrieden und voller Tatendrang in die Zukunft blicken, erscheinen aber auch immer mehr kritische Stimmen und kategorische Offline-Verfechter. Das Spannende an den extremen Positionen der Befürworter und Gegner von virtuellen Ausgaben ist eine bisher nicht dagewesene Debatte um die Bedeutung und Rolle des Festivals. Als meist geografisch fixierte Ereignisse, konzentrierte sich das Publikum entweder auf in der Nähe stattfindende Veranstaltungen oder begab sich auf die Reise. Zeit und vielleicht auch Urlaubstage wurden investiert, um sich an einem Ort zu versammeln und mit anderen Menschen ins Filmerleben einzutauchen. Diese gelebte kulturelle Praxis der Zusammenkunft ist im digitalen Raum so nicht reproduzierbar. Es beginnt bereits bei der Auswahl eines Films oder eines Kinos. Der feste Ort bringt bereits praktische Beschränkungen und die Notwendigkeit einer bewussten Entscheidung mit sich. Ausverkaufte Vorstellungen, Empfehlungen die sich per Mund-zu-Mund Propaganda auf dem Festivalgelände verbreiten oder die Unmöglichkeit, zwei Veranstaltungen zur gleichen Zeit zu besuchen. Das Filmerleben selbst findet unter nahezu technisch perfekten Voraussetzungen statt, die Entscheidung, sich einem Film „auszusetzen“, ist mit dem Einnehmen eines Sitzplatzes (vorerst) getroffen und ablenkende Einflüsse sind aufgrund des Kinoraums weitgehend minimiert. Eine Pause-Taste existiert nicht und nach einer Schlafsekunde im Kinosessel kann nicht zurückgespult werden. Der Moment und das Teilnehmen an einem kollektiven Ereignis spielt hierbei also eine große Rolle. Ein gemeinsames Betrachten der Leinwand verändert aus meiner Sicht auch den Film an sich. Nach der coronabedingten Kinoabstinenz kann das jeder beim nächsten Kinobesuch für sich selbst überprüfen. Ist der Film zu Ende, ergibt sich oftmals das Gespräch zwischen den aus dem Saal strömenden Zuschauern wie von selbst, und die physische Präsenz eines Gastes erzeugt eine besondere Wertschätzung bei Diskussionen. Zufällige Begegnungen im realen Raum spielen im gesamten Festivalkontext eine ebenfalls nicht zu unterschätzende Rolle und bereichern durch Debatten, neue Kontakte und Begegnungen. Was haben die Online-Festivals dem entgegenzusetzen? Als einer der wichtigsten Punkte sticht sicher der individuelle und zeitlich unabhängige Zugriff auf das ausgewählte Angebot heraus. So müssen die Zuschauer sich nicht an einen unerbittlich fortschreitenden Timetable halten, sondern planen über den Festivalzeitraum ihr eigenes Programm. Da sich auch niemand zu einem geographisch festgelegten Festivalort bewegt, spart die Online-Ausgabe viel Co2. Nicht nur die eingeflogenen Gäste werden klimafreundlich per Videoanruf zugeschaltet, sondern auch das Publikum klickt sich einfach über eine Online-Verbindung dazu. Für einen Teil des Publikums werden Festivals auf diese Art überhaupt erst zugänglich, da manche Menschen eine Reise oder einen anstrengenden Festivaltag unmöglich überstehen können. Auch sie können sich vom Sofa aus mit geringem technischem Aufwand zuschalten. Neben den Abrufangeboten wagen sich viele Festivals mit einem Live-Stream auf das Terrain des linearen Fernsehens. Die Verbreitung erfolgt natürlich digital über verschiedene Plattformen und die eigene Webseite. Preisverleihungen, Eröffnungen oder spezielle Veranstaltungen finden als neu konzipierte TV-Shows statt. Eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt etwas Vergleichbares wie die Festivalatmosphäre herzustellen. Die langfristige Haltbarkeit dieser Formate muss sich jedoch erst beweisen. Eine improvisierte Sendung aus dem leeren Kinosaal hat zweifelsohne ihren Charme, aber selbst mit Publikum sind Übertragungen dieser Art nur für hartgesottene Fans auszuhalten. Weitaus spannender sind in diesem Feld die aufgezeichneten Gespräche und Diskussionen zu Filmen und Themenkomplexen. Verschwinden die eigentlichen Programmpunkte nach dem Festival wieder aus dem digitalen Raum des Festivals, bleiben die Sekundärprodukte erhalten und können sich zu einem reichhaltigen Archiv entwickeln. Die Festivalwebseiten halten auch Anknüpfungspunkte für eine zukünftige Monetarisierung von Independent Produktionen bereit. Filmemacher und Verleiher bieten inzwischen immer mehr auch eigene Bezahl- und Abrufangebote an. Diese zu finden, ist jedoch oftmals nicht ganz einfach, und der Treffpunkt digitaler Festivalraum könnte an dieser Stelle Interessenten weiterleiten und vermitteln. 

Ob sich die Zukunft nun online, offline oder in eine hybride Form der Festivals entwickelt: An vielen Stelle ist es gefragt, aufmerksam zu bleiben und genauer zu betrachten, welche (vermeintlichen) Vorteile nur aus einem stetig wachsenden Hunger nach immer größeren und bequemeren Angeboten entstehen. Eine Aufgabe von Festivals ist es, ihr Publikum zu bereichern, zu inspirieren, zu konfrontieren und anzuregen. Verkümmern Festivals zu bloßen Abspielstationen mit immer weiter wachsenden Bildmengen, so verlieren sie auf lange Sicht ihren individuellen Charakter und unterscheiden sich kaum noch von den Angeboten großer Streaming-Dienste. 

Ob es uns, dem dokKa Festival gelingen wird mit der kommenden Ausgabe einen individuellen Charakter zu bewahren, bleibt abzuwarten. Jedenfalls freuen wir uns auf das Abenteuer Ende September in diesem Jahr.