Tag 4

Heute ging es nach dem Branchentreff erst um 15 Uhr mit dem ersten Film los. Wir haben ausgeschlafen, die Sonne genossen und dann ging es mit Strangers nach Indien. Vier Menschen stehen sich gegenüber; ein junges, emanzipiertes Mädchen, die Religionen und Geschlechterrollen hinterfragt, ein Muslim und ein Hindu und ein junger Mann, der auf der Straße lebt. In vier Kapiteln stehen sie sich gegenüber, sprechen mit einander. Liebe, Geld, Glaube, Klasse. Sie alle sind von diesen Themen betroffen, vertreten eine andere Meinung als die anderen.

Die Mischung könnte explosiver nicht sein. Grade erst wurde Narendra Modi wieder gewählt. Die Bevölkerung scheint darüber sehr zwiegespalten. 2016 kam es zu einer Entwertung der 500- und 1000-Rupien-Scheine. Die Menschen hatten nur begrenzten Zugriff auf ihr Geld. Ein Problem grade für die ländliche Bevölkerung, die auf Bargeld angewiesen sind, davon Dünger für ihre Felder kaufen und ihre Mitarbeiter entlohnen müssen. Es gab lange Schlangen vor den Banken und wer es sich leisten konnte, stellte jemanden ein, der für einen vor dem Schalter wartet um das wenige Geld, das es auf die Hand gibt, abzuholen.

Wir begleiten die vier Protagonist*innen im Alltag, vor allem Manoji, der mit den beiden, Laura Kansy und Oskar Zoche, die auch heute zum Gespräch da sind, am meisten Zeit verbrachte. Er telefoniert mit einer Frau, die aber eigentlich verheiratet ist, verkauft Drogen, spielt mit Freunden auf  den Straßen oder sitzt am Wasser und trinkt Alkohol. Die Regisseure Zoche und Kansy, beide noch sehr jung, lebten beide einige Zeit in Indien, gingen dort zur Uni. Hier wurde auch gedreht, in einem dunkeln Raum, in dem sich die Vier begegnen.

 

 

I fell in love with a dead boy.

 

Ich stelle mir ein Wohnhaus vor. Mehrere Mietparteien leben neben-, über- und untereinander. Eine ältere Frau; sie wohnt schon seit Ewigkeiten dort, keiner weiß, wie alt sie eigentlich ist. Vielleicht vermietet sie die einzelnen Apartments, sie hört und sieht alles.

„Sie sind aber wie spät heimgekehrt, Herr Doms.“ oder: „Da war doch jemand bei Ihnen. Das ist wider die Natur.“

Die Holzstiegen knarren; es ist spät geworden. Sich auf dem Prater die Füße vertreten, tanzen und schauen, wer gefällt.

Es wird gestritten und gezankt, nichts bleibt im Verborgenen. Franz Doms, 1940 ist er nicht ganz 18, und, laut Jürgen Pettinger, so schön unangepasst. Leider jedoch nimmt diese Geschichte ein schreckliches, vorhersehbares Ende. Homosexuelle werden zu dieser Zeit, während des NS-Regimes, systematisch verfolgt.

„Ich wäre zu seiner Zeit ähnlich wie er geworden.“

So oder so ähnlich drückt es Pettinger aus, der mit der Hördokumentation Mit einem Warmen kein Pardon- Der Fall Franz Doms dieses Jahr bei der DokKa dabei ist. Heute lebt er, wie er selber sagt, in einer Blase. Er muss sich keine Sorgen machen von der Sittenpolizei gesucht zu werden. Im ‚schweren Kerker landen‘, nach wiederholter „Tat“ zum Tode verurteilt werden, Erpressung und Folter: Das sind Dinge, von denen er heute verschont bleibt. Franz allerdings nicht. Trotzdem hätte er gesagt: Scheiß dich nicht so ein. Er hatte keine Chance. Später im Gespräch sagt Pettinger, dass Homosexualität heute keine große Rolle mehr spielt. Wenn man allerdings bedenkt, dass, und dies sagt er eigentlich auch selber, in 8 Ländern noch die Todesstrafe darauf steht, finde ich, ist das sehr wohl noch ein Thema. Mal abgesehen von den Ländern in denen Gefängnisstrafe droht und teilweise noch großes Unverständnis seitens der Bevölkerung.

Der Fall Doms hat ihn lange beschäftigt, sagt er. In diesem Hörstück nun sitzt er bei einer Psychologin. „Stellen Sie sich vor, Franz sitzt da auf diesem Stuhl.“, hört man sie sagen.

Abgesehen von diesen Passagen sprechen verschiedene Schauspieler*innen die einzelnen Rollen, Franz und andere seiner Zeit, auch sein Vater, der nach der Verhaftung seines Sohnes und über die Beschuldigungen, die ihn treffen, wie auch schon die Mutter zu Grunde geht. Diese Passage wirkt sehr emotional. Die Stimme bricht ab, ist zittrig. Dies, so erfahren wir dann, hat jedoch am ehesten dem Schriftbild des Briefes des Vaters entsprochen, der gelesen wird.

Wie viele Menschen starben in dem Raum mit den dunklen Fliesen, den auch Pettinger besuchte, wie viele wurden hier hingerichtet oder für ihre Homosexualität in Konzentrationslager deportiert?

 

Während ich das schreibe ist die DokKa Party schon im vollen Gange. Es ist ein seltsames Zusammenspiel- der Bass dröhnt, Vital und ich versuchen uns zu konzentrieren, der Akku geht aus und die Notizen sind im schummrigen Licht nicht mehr recht zu erkennen. Ich schaue hoch, ein Lied das mir sehr gefällt beginnt und ich stelle mir Franz Doms vor, lachend in dämmrigem Licht, ein Glas hebend, den Hut über den gescheitelten Haaren. Vielleicht tanzend, vielleicht fröhlich, aber wohl wissend oder ahnend, was ihn bald, im Alter von 21 Jahren, ereilen wird? Er weiß vielleicht, dass die Frau am Fenster lehnt, durch den Türschlitz schielt, bei später Heimkehr, dass nichts verborgen bleibt in jener Zeit. Kurz möchte ich alles stehen und liegen lassen, mich in die Mitte stellen und tanzen, für Franz. Nur für ihn, jetzt gleich. Vielleicht mache ich das auch.

Wie passend fand heute der CSD in Karlsruhe statt. Kurz vor Dark Eden brauchte ich unbedingt eine bunte Tüte,  Farbstoff und Zucker, irgendwas in die Richtung, und hastete durch die Innenstadt. Und da waren und feierten sie, gegen Diskriminierung und Ausgrenzung, für Geschlechterfreiheit. Franz Doms konnte das leider nicht mehr miterleben.

Ich musste mich dann sehr beeilen und knisterte dann zu allem Überdruss (und unter den strafenden Blicken Vitals) mit den Tüten im schon dunklen Saal. Vital gibt der Menschheit übrigens nicht mehr lang. Alles geht den Bach runter. Braunkohle-Ausstieg 2038? Viel zu spät. Wir ärgern uns beide später um die Wette, angeregt durch Dark Eden.

Gift wabert ins Grundwasser, ein kleines Mädchen hat Krebsgeschwüre hinter ihren noch so jungen, großen Augen. Ich bin so ärgerlich über die Information gegen Ende der Dokumentation, dass es nur kurz nach den Waldbränden im kanadischen Fort McMurray einfach weitergehen soll. Vital sagt, ich solle bloß nicht so überrascht tun. Wir tragen alle dazu bei. Die Menschheit; ein Krebsgeschwür.

 

Es liegt etwas in der Luft. Die Wärme bringt sie zum flimmern und zittern. Abgeknickte Stämme, brennende Haare auf dem Haupt eines Giganten, dem Haupt der Welt.

Woanders, früher ziehen kalte Lichter durch den Rauch. Es sind die Laternen derer, die hilflos sind.  Noch liegt er still da, der Moloch. Also bohren sie in den Boden. Tief tief tief hinein. Von der Hand in den Mund. Sie brechen die hohlen Zähne aus seinem Schlund und durch die Bresche wird das Mark an die Oberfläche gepumpt. Doch nun bebt die Erde. Die Hand des Riesen reicht hinüber. Seine Nägel kratzen über die Haut, über den Schorf einer Wunde.  Es macht ein grässliches Geräusch und es riecht nach Schwefel. Der Boden wird aufgebrochen, aufgerissen, langsam löst er sich ab und darunter fließt dunkles Blut. Gierig greifen sie weiter zu.

Die vergifteten Muskeln, das tote Fleisch schneidet sich der Riese selbst vom Leib und kappt die Leitungen. Ersetzt werden die Sehnen mit Schläuchen und Maschinen. Rädchen und Zylinder arbeiten jetzt in den Gelenken. Die Schrauben und Muttern ächzen und stöhnen. Sie haben Angst, denn sie wissen was kommt. Nicht so der Organismus, den sie zusammenhalten, der angetrieben wird mit der Zukunft der Menschen. 

Gefühllos gemacht, schreitet er voran. Zermalmt alles unter sich. Und wie der frisch gemahlene Sand durch die Öse fließt, so steigen die Blasen im Sektglas auf. Hier scheint die Sonne. Hier fließt das Wasser. Freudlos erhebt er das Glas, beglückwünscht sich selbst zu seinem Erfolg und stürzt alles in einem Zug hinab.

 

 

Trotz des ‚schweren‘ Tages, schweren Themen, freuen wir uns auf morgen.

Die Preisverleihung steht an, die Jury hat schon Favoriten-Filme, wie sie uns verrieten und es warten noch zwei spannende Filme und zwei Hördokumentationen.

Und ein großes Danke an die tolle Kinemathek-Bar: Leckere Getränke, prima Kaffee und Snacks - und  super liebe Leute. Merci und buenas nochas.