Tag 1

Wir sind zurück, zurück in der Kinemathek Karlsruhe. Zurück auf der dokKa. Erneut treten wir ein in Tage voller Poesie und Politik, voller Eindrücke und Emotionen. Wir werden über Strände laufen ─ ich kann das Meer schon rauschen hören. Wir werden das innere Leuchten sehen, Fremde sein und gut zuhören. Es ist schön wieder hier zu sein.

Wir, das sind Vital und Lara, freuen uns schon jetzt auf tolle Filme, von denen wir euch in den kommenden Tagen berichten werden. Und wir freuen uns auch auf die weichen Kinosessel, in denen wir versinken können, in denen wir um die Welt fliegen, fern jeder Normalität, trocken und weich, so auch Christian Claus in seinem kurzen Hörstück, der uns einlädt, zu Beginn des 6. dokKas, den Kinoraum neu zu denken. Uns erwarten in den kommenden Tagen noch weitere „Vorfilme“ wie dieses kleine Hörerlebnis. Auch neu ist der schicke dokKa-Beutel, den wir nun stolz durch Karlsruhe tragen werden.

Und los geht’s.

Der Eröffnungsfilm Born in Evin von Maryam Zaree ist gefühlvoll und  bewegend. Der Film gewährt uns einen intimen Einblick in ein Leben mit einem besonderen Beginn, in das Leben einer Suchenden. Maryam Zaree wurde in einem Lager für politische Gefangene in Iran geboren. Als Maryam zwei Jahre alt ist, flieht ihre Mutter mit ihr nach Deutschland.

Der Film gibt ihrer Suche nach Antworten auf die Hintergründe ihres Ursprungs und den Umständen der Gefangenschaft ihrer Mutter eine Form und macht sie für uns greifbar. Wir werden entführt, an einen Ort, wo Freiheit bedeuten kann, dass wir uns für unsere Freundin, kurz bevor sie hingerichtet werden soll in eine Ecke stellen und so tun als würden wir rauchen, weil ihr die letzte Zigarette von den Gefängniswärtern verwehrt wurde.  Wir sind an einem Ort von Kindern ohne Kindheit. Hier werden Gefangene gezählt, auf dass sie alle zurückkehren mögen. Viele Bilder, viele Erinnerungen. Stellvertretend und anregend.

Wir alle sind Gefangene unserer Vergangenheit, ausgezogen um neu zu erfahren, was wir bei unserer Geburt vergessen mussten. Welche Antworten suchen wir eigentlich? Wir, die Staunenden, die Zuschauenden? Welche Antworten suchen wir in der Unordnung zwischen uns selbst und den anderen?

Danke für diesen mutigen Film.

Maryam ist Schauspielerin und Regisseurin. Sie selbst sagt, dass sie gut darin ist, die Geschichten anderer zu erzählen, bisher ihre eigene jedoch ausgespart hat. Und wir fragen uns, ob man gerade dann gut in fremde Rollen schlüpfen, andere Identitäten annehmen kann, wenn man nach der eigenen noch sucht. Aber das wissen wir nicht. Maryam selbst sagt zumindest, dass ihr die Schauspielerei während der vierjährigen Arbeit an Born in Evin geholfen hat, die nötige Distanz aufzubauen, die es braucht bei einer Arbeit, bei der man selbst Protagonistin, Regisseurin und Erzählerin ist.

Eine gelungene Eröffnung und wir werden sehen, was wir in den nächsten Tagen noch entdecken dürfen.