Preisträger 2018

 

 

dokKa-Preis der Stadt Karlsruhe
"Die anderen Plätze" von Marco Kugel und Simon Quack

Die anstehende Fussball-WM wird Millionen von Kinderherzen mit dem Traum vom Profifussball infizieren. Die allermeisten werden diesen Traum irgendwann aufgeben. Einige werden es zu Ruhm und Reichtum bringen. Aber es gibt noch eine dritte Gruppe: sie schaffen es, Fussballer zu werden, aber stehen irgendwann ohne Vertrag und Verein da – sie sind arbeitslos. In ihrem Film "Die anderen Plätze" richten Marco Kugel und Simon Quack den Fokus auf diese durchs Raster Gefallenen, die sich beim alljährlichen Camp der Fussballergewerkschaft fit halten und über ihre Optionen jenseits des Fussballplatzes informieren. Der Film zeigt die unglamouröse Kehrseite des Traums vom Fussballstar und schliesst damit eine Lücke in der Wahrnehmung des Systems Fussball. Dabei entwickelt "Die anderen Plätze" eine eigenständige Bild- und Tonsprache und unterläuft raffiniert die ästhetischen und dramaturgischen Konventionen der Fussballberichterstattung.

 

dokKa-Preis für die ausgezeichnete Hördokumentation
"Zeit ist Frist. Mein Herz. Ich." von Michael Lissek

Kann ein Radio-Feature ohne O-Töne auskommen? Ja. Und Nein. Im vorliegenden Fall hören wir nur einen einzigen O-Ton. Es ist ein aussergewöhnlicher Original-Ton, denn er hat eine literarische Form angenommen. Der Autor lässt uns teilhaben an einer existenziellen Grenzerfahrung. Raum und Zeit lösen sich in einem Krankenzimmer auf. Das frisch operierte Herz hebt die Geometrie aus den Angeln. Gleichsam traumwandlerisch öffnen sich Tore und Türen einer akustischen Imagination und die Welt hält Einzug in dieses Krankenzimmer: plötzlich wird es bevölkert von singenden Vögeln und lärmenden Kindern.

Persönliche Verletzbarkeit und Verletzlichkeit transformieren zu einer universellen Reflektion über das Leben und seine Endlichkeit: "Zeit ist Frist. Mein Herz. Ich."

 

dokKa-Förderpreis Dokumentarfilm
"Familienleben" von Irina Heckmann

Irina Heckmann ist ganz nah dran: als Kamerafrau an den Gesichtern, als Schwester, Tochter und Enkelin an ihren Figuren. Gleichzeitig zeichnet sich ihre Haltung durch eine grosse Offenheit aus, gegenüber den Menschen und ihren Eigenheiten, als Dokumentarfilmerin aber auch gegenüber allem, was vor der Kamera passiert. Sie erzwingt nichts, sondern schafft Raum und Aufmerksamkeit für Spontanes, Alltägliches, scheinbar Nebensächliches. So gelingt ihr in ihrem Abschlussfilm "Familienleben" ein einfühlsames Portrait ihrer Familie, die 2001 als Spätaussiedler aus Sibirien nach Deutschland gekommen ist. Ein liebevolles und hochspezifisches Familienbild entsteht, das über sich hinaus weist.

 

Lobende Erwähnung
"Neun Stockwerke neues Deutschland" von Reinhard Schneider

Reinhard Schneider entführt uns in einen superlebendigen Mikrokosmos: "Neun Stockwerke neues Deutschland" mitten in Gladbeck. Die Türe geht auf und schon werden wir Teil des Geschehens, genauso wie der Autor auf angenehm distanzlose Weise zum Kumpel der Protagonisten aus aller Herren Länder wird. Im neunstöckigen Hochhaus überschlagen sich Ereignisse und Protagonisten in einer erbarmungslosen Gleichzeitigkeit. Mit spröder Ruhrpott-Herzlichkeit und einem Augenzwinkern beschreibt der Autor diese Menschen unterschiedlicher Herkunft, die es trotz ihrer Widersprüche und Gegensätze irgendwie schaffen, so etwas wie Koexistenz hinzukriegen – ganz ohne Sozialarbeiter.