dokKa Blog zu Nemesis

Nemesis

Ich habe mich in der Jugend ursprünglich für Film zu interessieren begonnen, weil er das Beste aus allen Kunstsparten verdichten kann, die mich allesamt fasziniert haben: Bildende Kunst (in Bewegung), Sound Design und Musik, Literatur und Poesie, Geschichte, Performance, Spiel. In dem Sinne ist ein filmisches Meisterwerk ein solches, das diese Dinge zur Vervollkommnung vereint, und da gehört „Nemesis“ zweifelsohne für mich dazu. 7 Jahre lang hat Thomas Imbach den Abriss des alten Güterbahnhofs und die Baustelle danach, direkt gegenüber seiner Wohnung, aus dem Fenster filmisch begleitet, und zu einem poetischen Zeitdokument zusammengeschnitten. Er beobachtet Konstruktion, Boden, Maschinen, Menschen mit so viel Feingefühl für die bedeutenden Augenblicke, dass mich im Kinosessel oftmals ein Ruck durchfährt, Lachen, Weinen, alles zugleich.

Zunächst geht es Imbach um den politischen Hintergrund – er liebt den alten Güterbahnhof und kann nicht fassen, dass hier ein Polizeigefängnis entstehen soll. Doch der politische Hintergrund löst sich nach und nach vom Filmgeschehen, als Imbach beginnt sich in den Ort und seine ihn begleitenden abwechselnden Gestalten zu verlieben. Auch wir verlieren uns darin, verlieren jedes Zeitgefühl, aus zufällig gefilmten Passanten werden Protagonisten, die man lieben möchte – unmöglich nicht die Ähnlichkeit mit Chris Markers überragenden „sans soleil“ zu erwähnen, die Ähnlichkeit mit seinen Aufnahmen afrikanischer Frauen, die für Sekunden in die Kamera schauen und sie zu durchbohren scheinen, die Momente ritualisierter Handlungen, die er festhält. Es hat mir selten ein Essayfilm derart ähnlich gut gefallen wie „Nemesis“ es tut, der es schafft lyrisch zu sein, ohne dabei prätentiös, der es schafft, abstrakte Gedanken, wie die Vergänglichkeit oder unser Verhältnis zueinander als Menschen in einer komplexer werdenden Welt, die durch Flüchtendenströme gekennzeichnet ist, durch extrem konkrete Bilder zu formulieren.

Der italienische Arien singende Bauarbeiter, die Bauarbeiter miteinander scherzend, sich gegenseitig keck anschubsend, küssende und einen Kran heimlich hochkletternde Pärchen, boxende Jungs, tanzende Frauen, verstohlen suchende Füchse, ein Bauarbeiter, der sich den Knöchel verletzt – es gibt so viele anrührende Momente menschlichen und animalischen Seins, dass das Gespür Imbachs dafür mir wiederum fast übermenschlich vorkommt.

Dabei sind die Bilder fast durchgehend entweder in Zeitlupe oder Zeitraffer gedreht, was auch Blitzentscheidungen für Imbach waren, mit einer 35 mm Kamera. Dadurch entsteht ein ganz einzigartiges Zeitgefühl für die 7 Jahre, durch die wir die Veränderung des Ortes begleiten, und ein andere Form von emotionaler Wahrnehmung der Gestiken und Bewegungen von Mensch, Tier und Maschine. Die Abreißmaschinen, die den Güterbahnhof am Anfang zerstören werden dadurch mal zu anthropomorphizierten wilden Tieren, die am Gemäuer fressen und es zerreißen wie ein Löwe eine Antilope, mal zu abstrusen Spielzeugfigürchen, die sich wie Lego Stop-Motion-Animationen bewegen. Das auch unterstützt durch ein imposantes Sound-Design, das komplett nachtäglich beigesteuert wurde, ohne, dass es jemals dem Zuschauenden separat vorkommt, es verschmilzt fabelhaft mit den Bildern.
Mal werden die Arbeiten der Bauarbeiter in so einem Zeitraffer gefilmt, dass wir den Eindruck von geschäftigen Ameisen haben, entmenschlicht, das abstruse menschliche Drama hinuntergebrochen auf ein wirres, idiotisches Spiel: Wände werden aufgestellt und wieder abgebrochen, Türen gebaut, und wieder abgenommen, Haufen von A nach B abgetragen, ohne dass sich irgendein Sinn darin erkennen ließe. Andere Male sind dann Bewegungen von Bauarbeitenden, oder auch einem Mädchen, das auf dem Street Food Festival, das kurzzeitig auch dort steht, absurd zeitlich zwischen Güterbahnhof und Gefängnis dort eingerichtet, versucht IceDrinks zu verkaufen, in so einer Zeitlupe, dass ihre Menschlichkeit damit schmerzlich nah vorgeführt wird, wir Zeit haben, uns selber in ihnen zu sehen. So kann Imbach ganz verschiedene Texturen, Geschmäcker und Impressionen am selben Ort mit denselben Protagonisten entstehen lassen.

Als wären diese visuellen und soundtechnischen Ebenen noch nicht genug, baut Imbach aber noch zwei weitere im Ton sich entfaltenden Ebenen ein: einen Soundtrack, der aus ausgewählten immer mal wieder etwas nach Lou Reed oder Leonard Cohen klingenden Songs besteht, die sorgfältig platziert sind und ohne den Versuch sich unauffällig im Hintergrund der Emotionen der Zuschauenden zu bedienen. So werden einige Teile des Filmes zu unaufgeregten Musikvideos, ganz im Stile eines durch seinen Minimalismus imposanten „One Day Like This“ (Elbow). Die Texte dürfen kitschig sein, wenn es die dafür in diesen Teilen eher nüchternen Bilder gerade zulassen, selten doppelt sich da etwas.

Die letzte Ebene bildet eine hochemotionale sowie hochpolitische Färbung: es werden vom selben Sprecher, der autobiographische Gedanken Imbachs zum Verlust seines Opas, eines befreundeten Filmemachers und des Güterbahnhofs vertont, Auszüge aus den Protokollen von Asylsuchenden vorgelesen, die derzeit im Zürcher Gefängnis festgehalten werden und ihre Vergangenheit und das Gefangen Sein reflektieren. Diese Tagebuchartigen Erinnerungen sind alleine schon von solcher Wucht, vor dem Hintergrund aber, dass hier ein neues Polizeigefängnis entsteht und der Tatsache, dass der Großteil aller Häftlinge in der Schweiz Ausländer sind, auf jede 1.000 Migranten ein Schweizer Bänker sozusagen kommt, erschreckend, deprimierend, aber auch thematisch und ästhetisch sagenhaft eingewoben. Damit kehrt der Film zum ursprünglichen Wunsch Imbachs, dem politischen Hintergrund, zurück, nur von der anderen Richtung, das Pferd sozusagen von hinten aufzäumend. Es war durchaus eine fantastische Entscheidung, diese Menschen zu Wort kommen zu lassen anstatt Politiker*innen. Vielmehr sind sie in der Lage, was es bedeutet, einen Ort für sich auf dieser Welt finden zu müssen (das große Thema der dokKa dieses Jahr) und wie schwer bis unmöglich das leider ist, zu konkretisieren.

Zwischen distanzierten 16er Objektiv-Aufnahmen vom gesamten Ort einschließlich eines oftmals atemberaubenden Himmels, Sonnenauf- und -untergänge, wechselnde Jahreszeiten, wildem Schneefall, und dem nahesten, 300er Objektiv-Aufnahmen, in denen wir die Mimik der Menschen sehen können, hin und her oszillierend, entsteht ein umfangreiches Porträt eines Ortes, einer Zeit, und was es bedeutet in Zeit und Raum vorhanden zu sein, sich einfügen zu müssen. Am Traumhaftesten dabei für mich der Moment, in dem zufällig ein Fuchs, ein Rabe und eine Elster sich auf einem Geröllhügel begegnen und für einen klitzekleinen Moment friedlich beieinander sind. Siehe da, die Tiere schaffen das – selbst in all diesem Wahnsinn, den wir Menschen bauen.

Die lokale Verankerung, die Frage nach Heimat, beschäftigt die Filmauswahl des diesjährigen dokKa ja ohne Frage zentral. Auch in „Nemesis“ wird einem Ort ein Denkmal gebaut, wie bei „Walchensee Forever“ oder, in der eher traurigen Variante, „Under blue skies“. Wie in „Taming the Garden“ wird der Einfluss des Menschen auf den heimatlichen Boden in all seiner Skurrilität aufgezeigt. Wie bei „Mein Vietnam“ spielt Migration, die sich verändernde Bedeutung von Heimat, eine tragende Rolle. Diese Frage nach Heimat und Lokalität ist auch beim Filmfestival selber, wie im Panel aufgezeigt, niemals auszuschließen. Bialas sagte ja, wie wichtig es sei, das Festival IN und AN dem Ort zu erleben.

Wie sind wir in der Welt, und sind wir eigentlich noch genügend in dieser Welt, in diesen digitalen Zeiten, in denen es oftmals scheint als würde vor allem die jüngere Generation komplett in einem rechteckigen Touchscreen, auf angeblichen sozialen Medien in gekünstelten Selfies verschwinden. Andererseits auch Fridays For Future, andererseits auch leave no one behind, ein gesteigertes Bewusstsein dafür, wie wertvoll diese Erde ist, wie wertvoll Heimat ist. „Nemesis“ beheimatet die Menschen und Situationen, die aufgenommen werden, nicht nur an einem Ort, der Baustelle und dem Drumherum, sondern auch im Film. Indem zufällige Menschen und Begegnungen zu Metaphern werden, zu Erinnerungen und Mahnmalen dessen, was es bedeutet Mensch in der Welt zu sein, indem sie zu einer Geschichte, zu Geschichte (History) verdichtet werden, erschaffen wir Heimat im Chaos von Raum und Zeit. Darum auch ist Film wichtig, um den Bogen zu „Walchensee Forever“ am Ersten Tag zu schlagen, in dem die Frauen sich durch das Filmen und Fotografieren Identität und Heimat aneignen. Darum auch sind Festivals, die Filme an konkreten Orten einem Publikum zeigen wichtig: um einerseits Wurzeln in die Heimaterde zu schlagen und gleichzeitig die Wipfel ins Weltgeschehen auszustrecken.