dokKa Blog zu Das Huhn. Im Parlament der Dinge.

Im Parlament der Dinge wird den Dingen eine Stimme gegeben. Barbara Eisenmann inszeniert eine 50-minütige Parlamentssitzung, in der es um den Hybrid-Huhn-Komplex gehen soll. Hierzu sprechen neben Beteiligten der Industrie auch “die Wissenschaft”, “das Kapital”, “das Parlament” oder ein Chor aus verschiedenen beteiligten Hühnern. Der inhaltliche Mehrwert ist groß: Mithilfe von Zahlen und Zusammenhängen der Produktion von allen Produkten rund im “das Huhn” wird das dystopische Konstrukt rund um die Verwertung des Tieres entblättert. Ohne dass die Erzählung sich stark selbst positioniert, drängt sich die Erinnerung der “Brave New World” Lektüre auf, in der Hähnchen mit drei Beinen gezüchtet wurden, um die Nachfrage nach Hähnchenschenkeln abdecken zu können. Zum Ende der 50 Minuten ist klar, dass wir nicht nah dran, sondern bereits mittendrin in der huxleyschen Welt sind.

Allerdings: tagen Parlamente doch mit einer Frage? “Sie alle wollen verhandeln”, heißt es. Verhandeln um was? Was vielleicht nach einer arg zurückgelehnten Frage klingt, meine ich ganz ernst. Das Huhn. Im Parlament der Dinge scheint um eine Frage zu schleichen. Implizit schwingt mit, dass der Grund für eine Tagung nur der Wunsch nach einer Verbesserung des Systems sein kann. Bessere Lebensbedingung für die Hühner, weniger Qualzucht und dergleichen, oder vielleicht gar bessere Tötung oder wenigstens die Zucht eines Huhns ohne Schmerzempfinden? Das Hörstück hält sich bedeckt damit, Lösungen vorzustellen, und arbeitet sich geordnet, aber ein bisschen ziellos statt an einer Frage am Umfang des Themas ab. Dass das nicht ohne Nachteile ist, wird etwas später Thema. Zunächst ist aber zu sagen, dass dafür ein enormer Komplex an Perspektiven zu Wort kommt, der Hörer*innen viel zutraut und gleichzeitig tauglich für Einsteiger*innen ins Thema ist, aber auch mit weniger bekannten Fakten auffährt. Einen Themenkomplex abzudecken ist natürlich etwas mühsam, aber Eisenmann’s Stück ackert sich durch und motiviert mitzuackern. Und die Art der etwas ungerichteten Diskussionen, so könnte man schmunzelnd hinzufügen, trägt ja vielleicht erst zum echten Parlamentsfeeling bei.

 

Die parlamentarische Form zahlt sich also aus, jedoch leider nicht ohne Einschränkungen. So wird, wie eingangs beschrieben, im Parlament der Dinge den Dingen eine Stimme gegeben. Hier lohnt es sich, zu erinnern, dass das nicht das gleiche ist wie Dinge, die eine Stimme haben. Behalten wir also im Blick, dass die Stimmen der Dinge nach wie vor situiert sind -und zwar nicht in den Dingen selbst, sondern den Menschen, die Empathie und Vorstellungskraft bemühen, um Dingen eine Agenda zu geben. Hier handelt es sich um einen relevanten Grundsatzeinwand - der allerdings eher ergänzend zu verstehen ist. Denn Das Huhn. Im Parlament der Dinge ist ein fantastisches Beispiel für den Mehrwert des Konzepts. Der inhaltliche Input ist deshalb eher Startpunkt für Diskussion als Information – und das Konzept des Parlaments der Dinge denkt das bereits mit. Doch auch wenn das Parlament sich nicht als Antwortgeber*in versteht, fällt leider ins Gewicht, dass das Ende des Hörstücks ohne jede Lösung bleibt.

 

Dass das Thema sich innerhalb von 50 Minuten weder Zusammenfassen noch lösen lässt, sollte klar sein. Doch was leistet das Ende stattdessen? Um ehrlich zu sein, ist es mir nach einmaligem Hören nicht möglich, ein offenes Ende festzumachen. Kurz habe ich erwogen, das Ende als Genrewechsel in ein dystopisches Horrorszenario zu verstehen, musste diesen Gedanken aber leider als eigenes Wunschdenken verwerfen. Das flüchtige Ende ist deshalb schade, weil das komplexe Thema ansonsten durchaus gekonnt geführt wird. Nur stellt sich zum Ende trotzdem die Frage: Wohin wurde es denn geführt? Auch wenn diese Frage nicht obligatorisch ist, liegt sie in einer linearen Form eben doch nahe. Nach dem beeindruckenden Themenumfang der klaren Führung durch das Chaos verschiedener Standpunkte entlang schwieriger Serpentinen wirft ein buchstäbliches Aus-Faden der parlamentarischen Sitzung die Frage auf, wieso die Reise ausgerechnet hier so unvermittelt endet. Und etwas ratlos am Wegesrand stehend komme ich nicht um das frustrierte Gefühl herum, das der szenische Aufwand, die gewaltige Geräuschkulisse und die hörpspielige Narration vielleicht besseres verdient hätten. Denn es ist klar: Das Parlament der Dinge ist ein spannendes Format, dem ich wieder beiwohnen würde. Dann aber vielleicht mit anschließendem Gesprächsformat, damit ich selbst dafür Sorgen kann, an einem Punkt aufzuhören, der Sinn macht.

- AC