4. Blogeintrag 2020

04.10.20

 

Heute bin ich vermatscht im Kopf. Lara, H., die früher diesen Blog über Jahre geschrieben hat und jetzt ein Volontariat in der kommunalen Galerie Weißer Elefant in Berlin-Mitte macht, ist dran schuld (ich scherze… ein bisschen). Und die vergangenen Tage. Immer noch der Strumpf und das Schweigen, die in mir wüten, die Träume, Berge und seit heute Müllkippen und Robben, alles ist durcheinander und ich werde mich kurzfassen müssen, um danach noch etwas zur Ruhe und mir selber zurück zu finden nach nun doch einigen sehr vollen Tagen.

Lara und ich gingen im Plänterwald spazieren und suchten lange einen günstigen Fleck, um eine Hördokumentation zu hören, wie ich es gestern mit Jerry tat, was ja ein singulär magisches Ereignis war. Und wie das immer so ist mit dem Versuch magische Momente zu wiederholen: es gelang uns nicht. Überall war es überfüllt, trotz des nur semi-guten Wetters Massen an Sonntagsspaziergängern an der Spree. Und dann zog der Himmel auch noch vollkommen zu und wir liefen also doch zurück und waren am Ende irgendwie stundenlang gelaufen, ohne gefühlt irgendetwas zu erreichen, (aber mit viel Spaß, nur eben ohne das Hörstück).

 

Bruder: „Ich hab nen Schmetterling getötet.“

Auf dem Rückweg hörten wir uns zumindest endlich den ersten Teil von „Bruder“ von Jurate Braginaite an. Die für unsere aus Müdigkeit, Wochenende und warum auch immer besonders aufgedrehte Laune schon fast zu ruhige und ausgedehnte Sprache forcierte uns schließlich in eine mehr herbstliche Besinnungsstimmung hinein.

Jurate erzählt eine Familiengeschichte, bzw. spezieller die Geschichte ihres Bruders - und ihr Verhältnis dazu -, der viele Jahre seines Lebens im Gefängnis verbrachte. Wenn man einmal drin war, kommt man ziemlich sicher wieder rein. So ist das, cycle of crime, cycle of violence; ich weiß es aus meiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Justizvollzugshelferin. Da treffe ich mich regelmäßig mit dem Inhaftierten Mustafa, der das auch alles nicht wollte, das sein Leben so läuft, und habe immer wieder das Gefühl, ihn und mich trennt nur eine simple Kreuzung, eine Biegung im Weg, eine etwas verschobene Ausgangslage fürs Leben und schon ist das so - ich bin mal wieder überrascht wie viele thematische Überschneidungen mit meinem Erfahrungsschatz es beim dokKa gibt, oder vielleicht stelle ich nur besonders gut überall Verbindungen her.

Sicherlich mit guter kuratorischer Absicht verbunden sind aber beim dokKa thematisch die verschiedenen Beiträge zum Thema Gefängnis, wie schon das Hörstück über Seydnaya, über das ich berichtete, und nun dieses - und auf eine Art ist die Verwahrpsychatrie der „Kinder der Station 19“, das Hörstück das später heute den Preis abräumen soll, ja auch ein Gefängnis - das höre ich mir dann definitiv morgen auch noch an, sowie den Film „Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist“, der andere Gewinnerfilm zusammen mit dem bereits gesichteten und diskutierten „Bewegungen eines nahen Berges“.

Nun aber erst einmal, der „Bruder“: Trocken, mit einem schwer rollenden R sagt er zum Gefängnis bloß, ja, is halt ne „Maßnahme“. Auf das „Wofür bist du hier gelandet?“ seiner Schwester, antwortet er witzelnd: „Na, wofür denkst du, ich hab nen Schmetterling getötet.“ Humor hat er. Trotz allem.

Jurates Bruder ist noch in Litauen geboren und aufgewachsen, wo die politischen und sozialen Verhältnisse sicherlich viel damit zu tun haben, warum seine Geschichte so verlief, wie sie es tat. „Anomie“ betitelt die Soziologie das, was nach dem Fall der Sowjetunion in Litauen geschah: „Ein Zustand mangelhafter gesellschaftlicher Integration innerhalb eines sozialen Gebildes, der besonders durch Normabweichung und Nichtbeachtung bisher gültiger Verhaltensweisen gekennzeichnet ist.“ (und wieder etwas Neues gelernt!) Litauen wurde ein westlich-kapitalistisch geprägtes Land und alle wollten möglichst schnell möglichst viel Besitz, wodurch die Kriminalität in den 90er Jahren vor allem in Sachen Diebstahl um ein Dreifaches in wenigen Jahren anstieg. Das Gefängnis hätte ihn nicht verbessert, sagt seine Mutter, die aber anscheinend auch nie aufgibt, ihm helfen zu wollen.

Wirklich nicht? Das werde ich noch herausfinden müssen, denn als wir wieder zuhause ankommen, wollen wir uns einen Film anschauen und unterbrechen die Hördoku nach dem 1.Teil. Morgen dann mehr dazu.

 

 

The Whale & The Raven:I’m already saying: oh, it’s just a sea lion.“

Wir schauen uns dann den wirklich eindrucksvollen, von atemberaubenden Naturimpressionen angefüllten Film „The Whale and the Raven“ von Mirjam Leuze an. Wir finden uns in Kitimat wieder, einer Küstenstadt in Kanada. Unter anderem sprechen indigene Angehörige der First Nation. Hauptsächlich geht es um Hermann Meuter und Janie Wray, die beiden Forscher für Wale und die Wale, die sie erforschen. Sie waren einmal verheiratet, die Abgelegenheit hat ihrer Ehe anscheinend aber nicht gutgetan. Aber ihr ganzes Leben widmen sie immer noch auf eine Art gemeinsam den Walen. Nur ist Hermann bei den Orcas geblieben, während es für Janie nun die Buckelwale sind.

Gebannt auf das Meer starrend, sagt sie, sie kann es nicht anschauen, ohne nach einem „Blow“ zu suchen, also eine Stelle, aus der das Wasser hochschießen könnte, aus dem Blasloch eines Wales. Tatsächlich sind die Impressionen dieser Wasserfontänen traumhaft, erinnern an Geysire, an Springbrunnen, sind so etwas, bei dem ich sofort denke: das will ich mir tätowieren - außerdem haben Lara und ich heute eh schon beschlossen uns Hai - besser gesagt und gegendert, wie wir feststellten: Hai*innen- Zähne zu tätowieren, warum nicht also gleich noch mehr Meersymbole anschließen?

Die Weiten des Meeres bezaubern auch mich schon seit ich ein Kind bin, auch ich blicke wie Janie fasziniert auf die ewig ausgestreckte, glimmernde Wasseroberfläche und habe das Gefühl, dass sich alle Geheimnisse der Existenz genau dort konzentrieren, das dort auf eine gewisse Art die Gebärmutter all meines Wesens versteckt ist, die Mutter, der Ort, an den ich zurückwill, ohne von dort zu kommen. Besser erklären kann ich das nicht, für manche Leute sind es vielleicht eher Berge, für mich ist es das Meer.

Berge gibt es allerdings auch, ringsherum auch endloser Tannenwald auf Hügelketten, außerdem: Fjorde, Bären, Robben, Schilf, Korallen. Natur und Pfeiler mit indigener bunt angemalter Schnitzkunst. Janie und Hermann sind auch „eingebürgert“ worden in den Clan, sie ist ein „Killerwal“ geworden und er der „Rabe“, daher der Titel des Films. Sie wollen unbedingt verhindern, dass Erdgasfabriken hier Fuß fassen und das Reservat der Wale zerstören. Dafür holen sie sich weitere junge Forschende, die in Zelten übernachten, dem Walgesang lauschen, Ausschau halten, scheinbar tagaus tagein (und eine ist erstaunt darüber, wie schnell sie schon nicht mehr überrascht von einer Robbe ist, die schwimmen hier nämlich überall herum, ganz viele).

Immer wieder zwischen Interviews einfach die meditativ tiefgängigen Bilder der Natur, sie saugen uns in sich ein. Lara und ich in unseren lauten Berliner Leben werden allein durch die Aura der Bilder des Films heruntergezogen in die Stille des Meeres, wir kommen zur Ruhe, sehnen uns gleichzeitig unendlich nach dem, was wir da sehen. Und gleichzeitig wiederum bin ich überrascht von der Aussage eines jungen Menschen, der den Ort nicht verlassen will. Ich, wurzellos, kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlen muss, an einem Ort geboren zu sein, an dem man dann auch bleiben will, für immer. Das ist wohl dieser sagenumwobene Begriff, wenn man ihn auch fühlt: Heimat. Das ist auch etwas wichtiges für die First Nation dort: irgendwelche Industrielle, die nur Geld machen wollen, meinen den Erdboden dort besser zu kennen als die dort beheimateten, seit Jahrhunderten? Es ist eine rhetorische Frage.

Wunderschön ist zwar also dieser Film, meditativ und zieht uns rein, bis wir da liegen und nur noch Bilder auf uns wirken lassen, aber wütend macht er auch, im Abgang, über diejenigen Menschen, die diesen Planeten und seine unglaublichen Wesen zerstören wollen, bloß für Profit. Wieder ist es da: das Thema des Aussterbens, und diejenigen, die dagegen Widerstand leisten, die Mutigen Heldinnen und Helden, deren vielerlei ganz unterschiedlich aussehenden Wege und Kämpfe das dokKa aufzeigt. Widerstand. Ob mit einem Fernrohr, im EU-Parlament, mit Hungerstreik, es zeigt sich, es gibt viele Wege des Widerstands.

 

 

Im Reich des Squatters: „Die Schönheit in den Ausscheidungen der Zivilisation.“

Zum Abendessen - selbstgemachte Süßkartoffelpommes und bestellte Burger dazu - kommt nach der Online-Preisverleihung des dokKa noch eine weitere gemeinsame Freundin von Lara und mir hinzu, Dichterin und Literaturstudentin Vreda M., und wir schauen uns, auf der Couch mit den Tellern und sechs verschiedenen Soßen ausgestattet, noch eine Doku an, „Im Reich des Squatters“ von Adrian Schwarz.

Das ist nun etwas absurd, was uns erst, als es schon „zu spät“ ist, klar wird: wir essen und schauen uns einen Film über Müll und Abfall an, die hier die tragende Rolle spielen. In Split Screens von zwei oder auch mal vier Screens erzählt der Film von der Müllstadt in Kairo. Und ja, das ist wirklich eine ganze Stadt. Ganze Hochhäuser, die einfach voller Müllsäcke sind. Und die Kopten, eine abgespaltene Gruppe von Menschen, die von den anderen Bewohnern als Aussätzige behandelt werden, diese sammeln, ordnen, waschen den Müll und versuchen davon zu leben. Ein kleiner Junge starrt uns lange direkt in die Kamera an, in einer Einstellung. Seine Augen so voller Unschuld, wie die Kinder, an denen ich vorgestern vorüber lief, und er steht inmitten von Müll, in all seiner entzückenden und zutiefst eindringlichen Unschuld. Ich möchte ihn da rausnehmen und ihm sagen können: du bist gut. Werd nicht älter. Werd kein Erwachsener. Die machen so viel Mist, so viel Müll; im wahrsten Sinne des Wortes.

Inhaltlich muss ich an „Wasteland“ denken, der Dokumentation über einen brasilianischen Künstler, der Müllsammelnde von Rio di Jainero aus ihrem Müll riesige Selbstporträts basteln ließ, die er dann wiederum fotografierte in beeindruckenden Bildern, ein Film voller auch so liebenswerter Charaktere, wie viele, die ich in den letzten Tagen kennenlernen durfte.

Formal ist der Film jedoch ganz anders, kein Narrativfilm, sondern ein impressionistischer Essayfilm, näher an etwas wie Chris Markers „sans soleil“ und mit einer dramatisch-sakralen Musik, die an Peter Greenaways Film-Kompositionen erinnert. Der Film ist zufälligerweise meinem Lieblingsphilosophen, Michelle Serres gewidmet, der übrigens eine ganz bemerkenswerte kurze Schrift über das Phänomen des Rauschens veröffentlicht hat, eine Schrift, die das erste Semester meines Studiums vor mittlerweile 10 Jahren prägte und ich nie vergessen habe.

Eine Rauscherfahrung vermitteln die Bilder dieses Filmes auch, so viele Nahaufnahmen von Abfall, der wiederum durch allerlei Veränderungsprozesse gedrückt und gedrängt wird, der sich in Paste, Schlingen, Knete, Farbwürsten, „bits and pieces“, schillernden Scherben und allerlei mehr verwandelt. „Es hat was von Kontrollverlust“, sagt Lara, herzhaft in den Burger beißend, während sich Fliegen über Schweineleichen sammeln und Menschen im Dreck wühlen, hier so absurd mit dem Essen diesen Bildern ausgeliefert sein, für die wir uns nun entschieden haben, denen wir uns hingeben. Und es ist ja eben auch etwas Schönes dran, etwas Ästhetisches, allein in den vielen Farben und Materialitäten, den ausgewählten Nahaufnahmen und spannenden Veränderungsprozessen der Stoffe.

Zu den Bildern spricht ein Erzähler, der im Verlauf der Dreiviertelstunde des Films immer wütender mit der Menschheit wird, verständlicherweise. Seine Stimme kommt verzerrt, durch etwas wie ein Funkmikro scheint es, hat also einen Effekt draufgelegt, den wir nicht ganz durchblicken und herumrätseln, warum er da ist.

Was er uns vermittelt, an Sinneseindruck, zusammen mit der Eigentümlichkeit der Bilder und der Dramatik der ab und an aufklingenden (Orgel-?)musik: man fühlt sich bereits mitten in der Dystopie angekommen. Und das sind wir ja auch. Jedes Mal, wenn ich Dystopien lese, mutet es mir an, als sei das nichts irgendwo in der Ferne, sondern nur mit etwas Verlagerung bereits hier, sei es Anteile von 1984, oder Anteile von Brave New World. Das möchte dieser Filme sichtlich erreichen, dieses Gefühl, und mit einer Stadt aus Müll ist das ja auch kein weiter Kunstgriff: als man einmal ein Panorama dieser Stadt gezeigt bekommt in einer Kamerafahrt, fühlt man sich definitiv hineingesogen in diese real-existierende Dystopie.

Reiche Kairo Immobilienmenschen wollen allerdings alles hier zerstören und neue teure Wohnmöglichkeiten schaffen. Das ist noch einmal eine andere Art der Dystopie, denn: die Kopten wollen sie verdrängen, die sonst gar keine Überlebensmöglichkeiten haben, in einer Gesellschaft, die sie wie Leprakranke ins Abseits drängt. Einen „Golden Island“ gibt es immerhin noch, eine Insel der Hoffnung, die noch nicht aufgefressen sei. Wir sehen ein Mann ein Pferd im Fluss waschen und der inzwischen aufgebrachte Erzähler mahnt uns, dass wir da hinschauen müssen, dass wir nicht länger weggucken und ignorieren dürfen. Das Thema des Hinschauens ist wieder da. Wenn es jemand einem so ästhetisch aufbereitet, ist das auch gerne getan, und hat wieder viel zu denken gegeben. Reicht das Ästhetische? Mehr als die Frage „Darf man das?“ bei Königreich des Schweigens, ist es hier also: „Reicht das?“ (Was für jenes aber ja auch gilt, reicht das, reicht das, reicht das? Und wenn nicht, was dann? Was dann, abseits der Ästhetik, was dann, abseits des Festivals, der Filme, denen ich mich irgendwann einmal verschrieb, und inzwischen auch nicht mehr weiß, aber immer noch hinschaue.)

Für heute ist es allerdings erst einmal genug geschaut, die Augen und Gedanken brennen schon, wie ihr merkt. Ich bin selber erstaunt davon, wie sehr dieses Festival selbst über die Distanz, selbst über die relative Bequemlichkeit meiner eigenen Couch, emotional und physisch schlaucht. Aber es liegt wohl auch daran, wie ich es mir selber geschaffen habe. Morgen werde ich mehr nachdenken und schauen und hoffentlich tiefgründigere Erkenntnisse und Beobachtungen fassen können als heute. Ich gebe zu: mein Kopf ist Quatschmatsch, alle meine Glieder schwer, es war viel, und ich muss erst einmal sacken lassen, alles: sacken lassen. Noch einmal runter von der Couch, Yin Yoga, und gute Nacht.

 

Gwendolen van der Linde