Aber ich habe es doch jetzt gut, oder?

Lara und Vital studieren Literarisches Schreiben an der Uni Hildesheim und sind zum dokKa-Festival nach Karlsruhe gefahren. Am zweiten Tag berichten sie von den Arbeiten und Diskussionen des Tages.

 

Zweiter Festival Tag

31.05.2018 - „Hast du Angst vor deiner Mutter gehabt?“

„Ja, total.“

Irinas Schwester braucht nicht lange für die Antwort. Man kann nicht geben, was man selbst nicht bekommen hat, heißt es später in Familienleben. Und doch versucht Nadja es.

Es ist der erste Dokumentarfilm, den wir heute sehen werden und er wird uns beide begeistern. Wir dürfen Irina Heckmanns Familie kennenlernen, ihre Eltern, Großmutter und Geschwister. Sie alle sind miteinander verwoben und doch so unterschiedlich.

Emilia Bossert und ihre Augen. Groß und schwarz blicken sie in die Welt.

Emilia musste schon früh, mit 17 oder 18, ins Arbeitslager, in Sibirien. Sie ist eine Russland-Deutsche. Ihre Unterlippe verschwindet unter der oberen, wenn sie so in die Ferne schaut und als wäre dort keine Kamera. Als wäre dort keine Kamera- so wirkt es. Wir kriechen unter die Haut, ins Haar, so nah und intensiv ist die Kameraführung. Irinas Bruder, wie er sich über die Schulter hinweg im Spiegel ansieht und die Falten aus seiner Strickjacke streicht, das Gesicht ihrer Mutter, nachdem sie erzählt, wie streng sie war und wie schwer ihr der Zugang zu ihren Kindern fiel, ein leichtes Lächeln beim Sport, nur schwer zu erkennen und schnell wieder weg, oder die Hand von Irinas Nichte, wie sie Worte in den Luftraum einer Kirche schreibt. Alltägliches, gepaart mit existenziellen Fragen. Die Suche nach einer Heimat, das Ziel eines Lebens, vorherbestimmt oder ungewiss, die Nähe oder Distanz zu einer geliebten Person und der Wunsch, etwas anders zu machen.

„Ich habe es doch jetzt gut.“, sagt Irinas Mutter. Und wiederholt diesen Satz. Nur klingt es jetzt wie eine Frage. Und ein bisschen wie ein Vorwurf. Und guckt dabei so in die Kamera, lange und als wäre dort irgendwo die Antwort versteckt. Irina sagt später, sie wollte nah ran gehen, weil sie die Menschen gerne habe. Und trotzdem fällt auf, dass sie ihre Familie größtenteils siezt. Das ist normal, sagt sie. Das haben in ihrem Dorf alle gemacht, dort siezt man seine Eltern. Das finde ich befremdlich und faszinierend zu gleich. Die Familie; Eltern. Eigentlich, denke ich, sind das ja auch nur Menschen, die man eigentlich nicht richtig kennt, die ihre eigenen Erinnerungen tragen, die manchmal keinen Zugang finden, zu ihren Kindern und umgekehrt. Aber man kann sie kennenlernen. Ihren Blicken folgen, ihre Konzentrationsfalten deuten. Irina kommt nach dem Film zu uns.

„Und wer seid ihr eigentlich?“, fragt sie.

Ihre Augen sind hellblau, klar und eindringlich. Sie hat feine Züge, wirkt fast etwas fragil. Ich finde sie sofort faszinierend. Im Sommer wird es in Sibirien sehr heiß, sagt sie. Heißer, als man erwarten würde, das weiß nur keiner.

Wenn ich ihr eine Frage stelle, dauert es ein wenig, bis sie antwortet und ich frage mich schon, ob ich etwas Blödes gefragt habe, oder zu leise spreche. Aber sie lässt sich Zeit für ihre Antworten, blickt dabei in die Ferne und spricht dann sehr gewählt. Und ich denke, dass das sehr gut passt, dass ihr Film genau auch diese Stille zwischen den Worten, in Gedanken verweilend, erzählt. Er ist eindringlich, wie ihr Blick.

Wir lösen uns nur sehr ungern aus diesem Gespräch. Aber es geht schon weiter

Und zwar mit folgender Aussage: Hört gut zu!

Und das ist Programm für den nächsten dokKa Beitrag. Denn wir erleben die erste Hördokumentation: Mein erster Cyberkrieg von Tom Schimmeck. Im noch leicht erleuchteten Kinosaal schaue ich auf Hinterköpfe. Dann geht es um fiktive Staaten, die gegeneinander antreten, erfahre von den Blauen und Roten. Die Roten sind brutal und aggressiv, verbreiten gerne Angst und Schrecken, wie Spione heißt es. Er selbst, also Tom Schimmeck, ist für die Propaganda zuständig, wie komisch, denke ich und tue mich schwer, dem Geschehen zu folgen. Ich kann mir das alles nicht so gut vorstellen. Das Filmen dieses Cyberkriegs in Estland wäre aber verboten gewesen, erfahre ich später. Und so versuche ich, meine Fantasie anzuspornen. Und es geht um Wahrheit und Lügen, viele Lügen und die Absurdität des Spiels. Und eigentlich noch mehr um den Ernst der Lage. Am Ende sind wir beide etwas verwirrt, nicht ganz durchgestiegen und uneins über die Geräuschkulisse des Features. Ich finde es schon ganz rund, dank der Sounds ist alles plastischer geworden. Aber etwas mehr Pausen, etwas weniger von diesem und jenem wäre vielleicht trotzdem besser gewesen, meint Vital. Und vermutlich hat er Recht.

Ich liebe mich und es geht mir von Tag zu Tag besser und besser und besser.

Sprechen ist Denken und Denken ist Sein. Sicher ein Satz, den Jürgen Höller in den Ohren haben könnte, wenn er auf dem Balkon, zum dritten Mal laut sein Mantra aufsagt.

„Ich liebe mich selbst bedingungslos und genauso wie ich bin.“

Jürgen Höller eine abstoßende wie faszinierende Person, die mit Motivationsseminaren ihr Geld verdient und das nicht zu knapp.

Der Großteil des Kinopublikums steht den Prinzipien und Werten Höllers, freundlich ausgedrückt, eher kritisch gegenüber. Bereits während des Films wird immer wieder verächtlich geschnaubt oder gelacht. Es hat auch etwas Lächerliches wie Höllers muskulöse, tanzende und brüllende Gestalt während seiner Seminare über die Bühne hastet und wie er mit Leib und Seele die Prinzipien, die er lehrt, lebt. Und natürlich hat es etwas Perfides, wie der Gesundheitsbonus in seiner Firma an den Body Mass Index gebunden ist und es Abzüge gibt, wenn der eigene Körper nicht genügend „optimiert“ wird.

Doch der Erfolg gibt ihm Recht. Zumindest als Unternehmer. Bereits mehrfach kämpfte er sich aus dem Bankrott zurück in die Kreise der finanziell, na sagen wir, eher besser Stehenden.

In der Diskussion nach dem Film werden Höller faschistische Methoden attestiert. Mir scheint es vor allem auch ein Problem zu sein, so offen den Werten des Kapitalismus zugetan zu sein, dem Geld so offenkundig verfallen zu sein und ihm einen wichtigen, wenn nicht den wichtigsten Stellenwert im Leben zuzuschreiben. Denn Jürgen Höller sagt:

„Was nützt es mir ein Spitzentrainer zu sein, wenn ich dabei nichts verdiene?“

Woran sich gestoßen wird ist auch sein Geschäftsmodell, es auf so ambitionierte Weise der Ernte von Geld entgegenzutreiben und dabei gar die Psyche des Menschen und ihre Optimierung wie Güter zu handeln. Optimierung eines Selbst, das Streben nach Erfolg sind in Höllers Predigten wichtige Stützpfeiler. Aus der Menge heraustreten und das aus eigener Kraft. Doch sind das nicht Werte auf denen zu großen Teilen auch das deutsche Wirtschaftssystem, welches ebenfalls dem Kapital entgegenstrebt, aufgebaut ist?

Alles bloß ein Gedankengang und natürlich sind die von Höller angewandten Mittel auf keinen Fall zu verharmlosen. Mal davon abgesehen, dass sich ähnliche, wenn nicht Schlimmere, in den größten Konzernen der Welt, denen wir durch unseren Lebensmittelkonsum, das benötigte Benzin im Auto und unser Gesundheitssystem auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, wiederfinden lassen. Aber das geht mich nichts an.