1. Blogbeitrag 2020

01.10.20

 

„Und wir freuen uns auch auf die weichen Kinosessel, in denen wir versinken können, in denen wir um die Welt fliegen, fern jeder Normalität, trocken und weich, so auch Christian Claus in seinem kurzen Hörstück, der uns einlädt, zu Beginn des 6. dokKas, den Kinoraum neu zu denken.“

Den Satz schrieb meine Freundin Lara H., dir mir die Aufgabe des Bloggens für das 7.dokKa weiterleitete, letztes Jahr am ersten Tag des Festivals 2019. Wie viel sich seitdem verändert hat, sowohl bei uns (sie hat nun einen Vollzeit-Job, der all ihre Aufmerksamkeit einnimmt, sodass ich sie, obwohl wir endlich mal wieder dieselbe Stadt -Berlin- teilen, kaum viel öfter sehe), aber vor allem: in der Welt. Wie wir alle wissen.

Wir sind nun nicht mehr eingeladen den Kinoraum neu zu denken, wir sind dazu, - wenn man es hart formulieren möchte -, verdammt, vielleicht auch: verpflichtet. Damit es weitergeht, weil wir nicht aufgeben. Keine weichen Kinosessel also, wenn auch mein Sofa daheim ähnlich weich ist und noch schamloser popcornbekrümelt werden darf (siehe Foto). Von da aus betrachte ich nun Filme und berichte über sie und über mein persönliches Erlebnis eines Online Filmfestivals. Aber, gut, fern jeder Normalität, darin sind wir ja jetzt Profis geworden.

 

Präambel: ich gehöre in die Liga der „Cinephilen“, das heißt ich liebe das Kino, das richtige gute alte Kino, das wie Theater ist, das in LA zum Beispiel noch in gewaltigen Theatersälen mit roten Vorhängen vorzufinden ist. Das ist für mich ein einzigartiger, unnachahmlicher Erfahrungsraum. Und noch mehr liebe ich, seit ich mein erstes Festival, die Berlinale 2013, besuchte: die einzigartige Atmosphäre von Filmfestivals. Hier gebe ich mich vollständig den Filmen, meiner Leidenschaft, hin, und es entsteht ein Ausnahmezustand wie ich ihn sonst nur beim Filme selbst Drehen erlebte, auf andere Art wiederum.

Zeit und Raum werden vielschichtig, vollgesogen mit unzähligen Eindrücken in kürzester Zeit. Die aufgeladene Luft, die durch eine ganze Stadt wehte (neben mehrere Male Berlin war ich dann auch in Bologna, Leipzig, München, Hamburg, sogar Chicago), die Kinosäle, die mich wiederum durch die Städte wehten, die Nachgespräche, die leibliche Co-präsenz mit den Protagonisten der Filme, die man eben gesehen hat, die Verschmelzung von Stadtpanoramen und Filmpanoramen, das alles sind unersetzliche Erlebnisse:

Wie mir, der naiv-ambitionierten Nachwuchsfilmemacherin, bei der DokLeipzig 2015 der Regisseur des traumhaften Films „shoulder the lion“ sagte: wenn man nur genug dran glaube, es genug liebt, dann schaffe man das mit dem Filmemachen, man müsse nur genug lieben, was man macht.  2018 Ludwig Wüst, dessen Meisterwerk „Aufbruch“ im Berlinale Forum läuft, der mir von seiner „Filmfamilie“ erzählt, die sich regelmäßig zum Abendessen treffen, um den nächsten Film zu planen, so könne man das auch schaffen, mit wenig Geld. Er schreibt mir zum Abschied noch ein Rilkezitat auf eine Serviette und ich bin bezaubert. In der Jogginghose über den roten Teppich in Cannes laufen und mir dabei besonders hochprovokativ vorkommen, neben all den aufgetakelten Frauen in Pretty Dresses, die von extra dafür angekauften Fotografen lasziv gegen Bäume gelehnt fotografiert werden. Italienische Kritiker, die mir um 12 Uhr mittags im Akkreditierungssaal verzweifelt entgegenlaufen, weil sie keinen Korkenzieher auftreiben können (wie können wir nur, hier in Deutschland, ohne Korkenzieher überall klarkommen?), um mir daraufhin die Weinflasche zu schenken. 700 Kinder der Southside Chicago in Halloween Kostümen, die noch nie in einem Kino sitzen durften und deshalb auch einfach mal durch die ganze Filmvorführung hinweg schreien.

Jedes Mal werde ich irgendwann ganz dünnhäutig, langgezogen wie Pergament, weine auf einmal über einen klitzekleinen Moment des etwa 14.Films, den ich gucke, ein Blick, eine Landschaft, eine Umarmung, rührt mich zu Tränen und ich merke: Film-Festivals öffnen meinen Geist fürs Erleben, für vollständige Immersion. Und nun?

 

Unter diesen Voraussetzungen beginne ich nun also diesen Blog als „Besucherin“ des Online stattfindenden 7. dokKa. Zuhause habe ich auch schon immer sehr viel „geguckt“, aber eben eher „ferngesehen“, mit einer ganz anderen Haltung. Wie ich in meinem Medienwissenschaftsstudium an der Universität Hildesheim lernte, gehe ich als Publikum mit der Kinoleinwand einen Vertrag ein, der ‚suspension of disbelief‘ findet statt und ich verpflichte mich willentlich dazu, mich zwei Stunden nicht zu bewegen, mich zu schämen, wenn ich auf Toilette muss, möglichst wenig zu reden (Ausnahmen bestätigen die Regel), ich bin in einem sozialen Raum, einer Gemeinschaftserfahrung gefangen. Und das ist gut so, gerade in der heutigen Zeit, in der die Aufmerksamkeitsspanne der jüngeren Generation scheinbar nicht über das 5-sekündige Tiktok Video hinausreicht.

Zuhause habe ich jedoch eine andere Haltung, wenn ich Film konsumiere, ich mache es meist nebenher, fummle parallel am Handy herum, gehe in die Küche, lasse mich von meiner Katze ablenken. Konzentration fällt mir da schwer, da bin ich leider schon ein Kind der Smartphone-Generation, die kaum eine Sekunde stillhalten kann, wenn es eben nicht den abgedunkelten, irgendwie zutiefst beruhigenden Raum mit den tief einsinkenden roten Kinosesseln und den lautlosen Vertrag gibt.

Für diese Woche habe ich mir nun vorgenommen, es anders zu versuchen: Film zuhause so gucken, als wäre ich im Kino, nicht ablenken lassen, darauf achten, wenn es passiert.

Bilanz um 19:00 Uhr am 01.10., genau 24 Stunden nach Festivaleröffnung: Zwei Filme, 1 Hörstück. Ich kann schon mal einen vorsichtigen Vorausblick wagen: es wird nicht einfach werden.

Um mir diese Herausforderung etwas angenehmer zu gestalten, habe ich mir überlegt, jeden Tag Gäste einzuladen. Mein Kinoraum neu gedacht: daheim & meine geladenen Gäste nicht die Filmschaffenden, sondern ausgewählte Freunde, die was zu sagen haben. Mal sehen, ob mir auf diese Art die so geliebte vollständige „Immersion“ gelingt.

 

Vor der Reflektion der ersten Beiträge noch ein kurzer Eindruck des Online-Festival Geschehens, das ja zum Beweggrund meiner Blogtätigkeit gehört, dieses „Festival“ im Onlineformat zu beobachten und zu analysieren:

Eine Youtube Premiere eröffnet das Festival, ich sehe das engagierte Festivalteam sich durch diese neue Welt des gefilmt Werdens statt Filme Guckens navigieren. In ihren Gesichtern lese ich nebst der Aufregung eine gewisse Melancholie, die sich mit meiner deckt, über eben das Fehlen der leiblichen co-Präsenz, als würde uns fast ein Körperteil abhanden gekommen sein, das wir sonst gewohnt sind zu haben. Es blute ihm das Herz, sagt Michael von der Kinemathek, ähnliches Christine von der Auswahlkommission und Jury-Mitglied Pary, darüber, dass man nicht zusammenkommen kann, in den Kinosaal. Mehr cinephile Seelen, sehe ich, und sende meine Empathie und Einverständnis an diese. Aber man zeigt sich tapfer, man hält die positiven Seiten hoch: man habe eine „intime“ Erfahrung mit den Filmen alleine bei sich zuhause, so Pary. Da bin ich ja mal gespannt und lege also los:

 

 

Begegnungen eines nahen Bergs

Ich entscheide mich als ersten Film den zu sehen, der auch in der Kinemathek läuft, mit eingeschränktem Publikum natürlich, vielleicht als Akt eines irgendwie doch telepathischen Dabeiseins -durch dieselbe Zeit dieselbe Aktion ausführen, bloße 600 Kilometer Luftlinie zwischen Karlsruhe und Berlin. Vielleicht auch einfach, weil es der erste in der Liste ist, und ich zuvor noch gar keine Zeit hatte die Filme genauer zu recherchieren – ich lasse mich aber grundsätzlich inzwischen lieber ohne viel Recherche auf Filme ein, damit ich möglichst wenig Erwartungen habe, die das Erlebnis prägen können (wie es ja auch die Situation tut, in der man einen Film konsumiert).

So auch mit „Begegnungen eines nahen Bergs“, von dem ich den „Klappentext“ auf der Website erst im Anschluss lese.

Was siehst du?

Das erst einmal beschreiben zu können, so ganz ohne Wertung, brachte mir mein bester Dozent an der Universität Hildesheim im Studium der „Szenischen Künste“ bei; und ich bin sehr dankbar dafür. Was sehe ich also?

Ich sehe einen – durchaus attraktiven, Idris Elba comes to mind – schwarzen Mann, der Autos auseinanderschraubt und Teile von ihnen mit akribischer Genauigkeit und großem Energieaufwand in Frischhaltefolie einwickelt. Irgendwo im Grünen, in einer alten Fabrikhalle, da ist fast gar nichts (außer eine Paintballanlage nebenan, wie wir erst am Ende erfahren werden, davor wird nur losgelöst über „das Schießen“ gesprochen). Ich höre lange: nichts. Beziehungsweise, nichts ist es ja nie, Grillen sind da. Der Mann macht Feuer für sein Essen, er raucht, er spielt am Handy in den Pausen, er ist alleine. Irgendwann kommen Menschen dazu, die Teile haben wollen, er kauft oder verkauft, es ist mir erst einmal nicht klar, es braucht eine Weile bis ich verstehe, dass dieser Mann Autoteile nach Nigeria verkauft, es wird gebrochenes Deutsch gesprochen, verschiedene Sprachen lagern sich im Verlauf des Films übereinander.

Ein Kollege des Nigerianer Cliff, unseres Protagonisten, kommt hinzu und gemeinsam sprechen sie dann in Igbo, eine der Sprachen – und Region - des südöstlichen Nigeria.

Wir vollziehen dramaturgisch eine Bewegung, von Stille und distanziertem Draufschauen auf Cliff und seine Arbeit, hin zu immer mehr Dialog, Überlagerungen von Sprachen. Es findet eine Annäherung statt, die aber doch etwas außen vor bleiben muss, so ganz können wir, -aus einer anderen Lebenswelt die meisten, die wohl den Film sehen werden-, nicht einsteigen. Das sollen wir auch nicht, Regisseur Sebastian Brameshuber lässt uns da schon mit Absicht etwas außen vor: wir bekommen zum Beispiel nie den privaten Wohnraum von Cliff zu sehen, erfahren nichts über seinen Beziehungsstatus, seine Hobbies, sein Leben abseits dieser gleichförmigen Arbeit, auf die der ganze Fokus des Films gelegt ist. Es geht fast mehr um seine Arbeit selbst, personifiziert, als um ihn.

Die privatesten Momente, zu denen wir eingeladen werden, sind Cliffs Singen eines nigerianischen Volksliedes, dessen Refrain übersetzt mit „Ewigkeit zu Ewigkeit“ fast zum Soundtrack des Filmes wird, zusammen mit dem allgegenwärtigen Zirpen der Grillen. Das singt er später auch mit seinem Kollegen zusammen, es ist ein fast zärtlicher Moment der Vertrautheit zwischen ihnen.

Und einmal füttert er eine Katze, die er anscheinend „Micky“ getauft hat, die wohl in der verlassenen Fabrikhalle lebt und seine Einsamkeit zu spiegeln scheint. Das sind die paar verstreuten, auch nur dezent intimen Momente, mit denen wir abgespeist werden; ansonsten bleiben wir fast wie die Kunden, mit denen Cliff hauptsächlich brüchig kommuniziert, dafür sinnbildlich sehen wir ihn hier und da durch die Frontscheibe eines Autos, mit dem er herumfährt, um Visitenkarten in andere Autotüren zu stecken, einmal auch mit einem Motor, der seinen Kopf von der Decke herabhängend verdeckt. Er bleibt verdeckt.

Ein Film, der mich an meine eigene tägliche Meditationspraxis erinnert (um unter anderem das mit der Konzentration besser hinzukriegen, vieles hat es verbessert, wie die Emotionen, aber die Konzentration noch nicht): wie ein Gemälde verliert man sich darin, merkt, dass einen ein Geräusch, ein Teil des Bildes, ein Objekt abgelenkt und in einen Gedankengang geworfen hat, befreit sich daraus, und verliert sich erneut in der nächsten Einstellung. Wir folgen keinem partikularen narrativen Bogen, halten uns sehr an der Wirklichkeit von Cliffs Existenz.

Wie Meditation, diesen meinen Gedanken bestätigt Brameshuber auch im Interview, das ich mir danach auf der Website anschauen kann, im Übrigen eine gute Lösung für das fehlende Nachgespräch, so bekomme ich immerhin dieselbe Information, wie ich sie mir beim Publikumsgespräch angeeignet hätte.

Die einzigen Ausbrüche aus diesen meditativen Einstellungen sind die zwei Male, in der Mitte und am Ende des Films platziert, in denen Cliff eine Sage erzählt, zuerst in Deutsch, und dann am Ende in seiner Sprache, für das es auch nach Nigeria geht, wo er die Autoteile verkauft und schließlich in einem brillant grünen Forst herumläuft. Es ist eine Sage um einen Wassermann, der, um seine Freiheit wiederzugewinnen, „Eisen für immer“ verspricht. Zu dieser Sage aus dem Off sucht eine Taschenlampe im Dunkeln die Fabrikhalle ab, kann immer nur einzelne Kleinteile beleuchten, ist so eingeschränkt wie wir in dem, was es sehen kann, von Cliff, von seinem Leben.

Erst durch das Interview mit Brameshuber darf ich erfahren (Vorsicht: Spoiler), dass es keine nigerianische Sage ist, wie man – so Brameshuber mit „exotistischer Erwartungshaltung“ – annehmen mag (& ich gebe zu, ich tat es auch), sondern eine ganz ur-steirische Sage, also aus der Alpenregion, in der der Film gedreht wurde, wo Cliff seine Arbeit in der Nähe einer alten Eisenmine verrichtet. Aber der Eisenmythos verwebt sich mit dem Igbo-Lied, das Cliff singt, so wie sich die verschiedenen Sprachen miteinander verweben, die verschiedenen Materialitäten, die Cliff handhabt, sogar unterschiedliches Filmmaterial, das Brameshuber zum Drehen nutzte.

Bedeutungsebenen lagern sich übereinander, Schichten von Identitäten wie die Hüllen einer Zwiebel: bezeichnend steht Cliff in der schönsten Einstellung des Films schließlich im nigerianischen Wald und schält eine Frucht: das ist er, ein Metaphernbild; er hat mehrere Schichten an Identitäten. Und er muss natürlich in die steirische Identität zurückkehren, für seine Arbeit, die Arbeitsidentität: das letzte Bild des Filmes zeigt uns nur die steirische Landschaft durch das Frontfenster des Autos, und nun schneit es. Mit einem Kunden hatte er früher im Film gescherzt: es gibt keinen Schnee in Afrika. „Just sun.“, sagt der Kunde. So ein Moment, wo man gemeinsam im Kinosaal vielleicht unangenehm berührt gekichert hätte, totalitäre Aussagen über Afrika von einem Menschen, der nichts über Cliffs Lebensrealität weiß und irgendwas von Sonne labert. So wie ich. Weiß ich jetzt ein bisschen mehr zumindest? Dass mündliche Vereinbarungen in Nigeria verbindlich sind, nicht so wie hier erst schriftliche. Dass ein Mann aus Ilana sagte: Wir werden schuften, bis die Polizei kommt. Eine Wertung des Geschehens erfolgt nicht, Brameshuber bleibt so objektiv wie möglich. Hier gibt es halt Schnee; es bleibt, wie es ist.

Wie perzipiere ich diesen ersten Film? Noch gar nicht gut, eine 4+ würde ich mir dafür bestenfalls geben. Zwischendurch muss ich mir Tee holen, dann Kaffee, weil Tee doch nicht genug ist, dann eine Wärmflasche, weil mein Rücken wehtut. Aber immerhin: im Kino hätte ich wahrscheinlich den Großteil der Zeit darüber nachgedacht, dass mein Rücken wehtut; hier konnte ich mir Abhilfe schaffen; Yoga tut’s auch.

Dadurch bin ich zu spät, um den Film fertig schauen zu können, bevor der dokKa Treffpunkt auf Zoom um 21:30 Uhr stattfindet und muss ihn wieder unterbrechen. Es kostet mich teilweise fast physische Kraft, mich nicht von so vielen umgebenden Faktoren ablenken zu lassen, was im Kino anders wäre, da denke ich gar nicht daran, was ich noch bei Wikipedia nachgucken oder wem ich noch ne Whatsapp schreiben wollte. Mein Kopf ist abgelenkt, das Interview wird unterbrochen für den Anruf eines Freundes und eine kurze Yoga Session wegen des fiesen Rückens (vielleicht sollte ich auch einfach mal nicht auf der Couch einschlafen, auf der ich nun wohl eh die nächsten sechs Tage zum Großteil verbringen werde?)

Zum Ausklang des Abends, schon groggy und – wer hätte es gedacht? – auf der Couch einschlafend (das Hochbett ist einfach zu weit weg, als wäre ich tatsächlich in einem Kino auf der anderen Seite der Stadt, mein Hochbett ist quasi Karlsruhe in diesem späten Moment der Nacht) erinnere ich mich an eine Episode des Welt Podcasts über eine äthiopische Marketing-Aktion in Richtung „come home to the motherland“, mit der Celebrities und andere Migranten aufgerufen wurden, nach Äthiopien zurückzukehren. Und irgendwie kitzelt und wärmt etwas in mir mich beim Begriff „motherland“, obwohl der für mich nicht auf dem afrikanischen Kontinent liegt und ich das, was die Geschichten der Migrationen für Migranten auslösen, sicherlich nicht wirklich nachvollziehen kann – aber auch Deutschland ist mir kein „motherland“, und ein Gefühl der Entwurzelung kenne ich dadurch immerhin. Auch mein Berlin ist wieder nur ein Übergangsort, ein Rastplatz auf einer Suche, nach etwas, das sich wohl nach Heimat anfühlen soll, aber mir vielleicht für immer durch die Finger rieseln wird. Einen warm-wohligen Sehnsuchtsort in meinem Kopf entwirft der Begriff aber sofort, auch für mich, und ich denke dabei tatsächlich auch an „just sun“. Just sun?

Ich weiß jetzt schon: ich werde keine Antwort finden, auf die komplexen Fragen, die viele dieser Filme und Hörstücke aufwerfen werden, die ich sehen werde, in diesen Tagen. Ich werde falsche Dinge denken, mich revidieren müssen in meinen Aussagen, mich beunruhigen, mich ärgern, freuen, ich werde mich aussetzen müssen, aussetzen meiner Konzentrationsschwäche, die inzwischen nicht mehr so langsame, ruhig erzählte Geschichten gewöhnt ist, verwöhnt und verkommen durch actionreiche netflix-Dramaturgien, mich aussetzen den ernsten Thematiken, & vor allem werde ich mich: fragen müssen. Das ist gut.

 

 

Taste of Hope

So zieht ein erster dokKa Online Filmeindruck und Abend ins Land, und am nächsten Tag, am Donnerstag 01.10.20, ist mein bereits seit zehn Jahren bekannter Uni-Kommilitone und Kumpel Markus P. auf meine Couch voller Decken und Krümel eingeladen, um zu Halva und Oliven den zweiten Film, „Taste of Hope“, in der Chronologie der Programmseite zu gucken (den sucht er sich aus, das werde ich nun so machen mit den Gästen, so gebe ich die Verantwortung ab, gebe mich einer Beliebigkeit hin, wie ich es mittlerweile auf der Berlinale tue, wenn ich einfach schaue, welche Tickets übrig geblieben sind oder welches Kino in der Nähe liegt).

Markus P. ist vor allem im Theater und in der Theatertherapie aktiv, aber auch bei der Tagesschau, und politisch interessiert, daher sucht er sich wohl diesen Film über eine französische Teefabrik aus, die inzwischen von einer Genossenschaft selbstverwaltet wird. Qualität über Quantität, darum geht’s ‚in a nutshell‘ in diesem Film. Markus und ich reden über alles, was wir da sehen, mehr als wir im Kino dürften, wir machen auch mehr Lärm mit Tüten und Tellern, als uns sonst lieb wäre.

„Taste of Hope“ betrachtet aus einem ebenfalls möglichst objektiven Blickwinkel die Konflikte, Ereignisse und den Arbeitsalltag der kameradschaftlichen Fabrik. Man braucht einen neuen Look für den Tee und stellt einen Marketingmenschen ein; im Folgenden beobachten wir, wie sich das Design der Schachteln von Retro zu Knallig Bunt und sogar der Teebeutel selber ändert (Markus erkennt sofort, dass der neue Look der Teebeutel der ist, der für Qualität steht, so sehen hippe Hipster-Teebeutel aus).

Es herrscht eine familiäre Atmosphäre. Das heißt, es wird auch mal in heftigen Tönen gestritten, dessen schämt man sich nicht – die Franzosen sowieso nicht, das Land der Stolz Streikenden. Stolz ist auch auf die Teeschachteln das 1336 gedruckt: die Anzahl der Tage, die die Arbeitenden Widerstand gegen die Schließung der Fabrik leisteten. Überall in der Fabrik lauert einem Che Guevara auf, auf Holzdrucken und Gemälden an den Wänden, sogar sein Spruch „hasta la victoria siempre“ auf dem Unterarm eines Mitarbeiters tätowiert. Kommunistisch geprägtes Klima: man fragt sich, ob der Tee teurer sein dürfe, weil er eben mit Qualität produziert wird, ob man da nicht genau die verliere, die man unterstützen wolle, diejenigen, die weniger Geld haben. Auch dieser Film wirft schwierige Fragen auf, die so schnell nicht zu beantworten sind.

Vor allem fragt er nach der Verantwortung: will und kann die eigentlich jeder? Kann jeder mit der Autonomie umgehen, funktioniert das? Funktioniert die Kollektivarbeit?

Regisseurin Laura Coppens braucht diese Fragen auch nicht beantworten, denn wie sie selber im Interview sagt, ist ihr Anspruch eher ein anthropologischer, dieser Film auch Teil einer eigenen wissenschaftlichen Recherche zum Thema der Kollektivarbeit, sie ist eben auch Anthropologin.

Gleichwertige Protagonisten neben den Arbeiter*innen sind ihre Maschinen, mit denen sie eine quasi-emotionale Bindung eingehen. Die Lieferketten werden hier ganz genau gefilmt, jedes Gerät, jedes Körperteil des Geräts, Öse, Skelett, polierter Stahl, in vielen verschiedenen Farben lackierte Teile, Räder und Uhrwerk, Fließband, Noppen und Stäbe stupsen Tee voran, schmeißen ihn hierhin, dorthin, mit Präzision, das soll alles so, es hat was lebendiges, animiert-animatronisches.

Markus sagt irgendwann, während wir uns die beeindruckende Einstellung eines Räderwerks ansehen, das rattert: wir haben damals doch diesen Medientheoretiker gelesen, der Maschinen als „erotisch“ beschrieb. Wir kommen nicht darauf, wer das war. Aber wohl gar nicht zufällig nutzt Coppens im Interview selber den Begriff „Fetisch“ um den Umgang von Kamera und Arbeitenden hier mit den Maschinen zu beschreiben. Sie verweist dabei auf Charlie Chaplins „modern times“, an das ich beim Anblick des Räderwerks natürlich auch denken musste, dieses lebendige Uhrwerk, mit der wir seit Beginn der Industrialisierung in einem ambivalenten Zusammenhang stehen, das uns zu Füßen liegen soll und uns dabei doch öfters frisst.

Wieder also so viel Stahl, so viel Maschinengewerk, wie bei „Bewegungen eines nahen Bergs“ mit den Automobilteilen, nur diesmal in bunt. Coppens‘ Film ist in kräftigen, intensiven Farben gegradet, all die verschiedenen Farben der Fabrik und der Arbeitskleidung treten deutlich und prächtig hervor, mit Absicht. Es erinnert an eine französische Lebenslust, fast an einen Jean-Perre Jeunet-Film, wenn man es mal so ganz Klischee-kitschig ausdrücken möchte (ich sagte ja, ich werde mich öfter revidieren und meiner Aussagen schämen müssen). „Die Fabelhafte Welt der Kollektivfabrik“, „die fabelhafte Welt der Kapitalismuskritik“, „Kommunistische Amelie“. Aber es geht ja gerade auch um Lebensfreude. Nicht umsonst ist der letzte Satz des Films von einem fröhlichen Arbeiter, der mit einer anderen tanzt: „Wegen ein paar Tanzschritten haben wir hier noch nie weniger produziert.

 

Die beiden gesichteten Filme fügen sich gut zusammen in ein Narrativ, das ich nun schon vorausahnen und rückblickend abstecken kann: es geht um Arbeit, & um unser Verhältnis zur Arbeit, beide schaffen ein Porträt dieses Verhältnisses, beide lassen einen über Arbeit in einem immer stärker globalisierten, kapitalistischen Weltgefüge und Kontext nachdenken. Die beiden ersten Filme sind sich darin aber diametral gegenüberliegend: die einsame Einzelarbeit des stillen Cliff versus die lebendige Diskussionskultur und Kollektivarbeit der Teefabrik 1336. Beide versuchen zu überleben, auf einem von Massenproduktion überfüllten Markt.

Ich freue mich über dieses Themenspektrum, das sich auftut, da es wie der Zufall oder das Schicksal so will in genau die Gedanken hineinspielt, die mich gerade eh schon, hier in Berlin auf der Couch (und in meiner Parteiarbeit, wenn ich denn mal dazu komme) umtreiben: Wie sollen und wollen wir arbeiten? Bedingungsloses Grundeinkommen oder sinnvolle Arbeit, mit der wir uns im Sinne Marx mehr identifizieren? Welche Hände waren an dem, was ich konsumiere, beteiligt, und will ich das? Und vor allem: sollten wir nicht Freude haben, an dem, was wir tagein tagaus machen? Sollten wir nicht alle ab und an auch tanzen können, während wir so vor uns hin produzieren?

„Taste of Hope“ ist im Sinne dieser Fragen eine eigene kleine, fast abgeschottete Utopie, nicht ohne ihre Herausforderungen und Probleme, aber Utopie in dem Sinne, dass es nicht der Standard der Fabrikarbeit ist, wie wir sie heute kennen. Dafür wurde hart gekämpft, gegen das Arbeitergesetz Macrons‘. Utopie auch in dem Sinne, dass wir gar nicht wissen, ob das gehen wird. Aber noch geht es: Coppens sagt, selbst mit Corona läuft es da gerade gut.  

Auch wenn „Taste of Hope“ mit der beinahe computerspiel-artigen Action-Sequenz eröffnet, in der wir mit einer Gopro Kamera auf dem Tee das Fließband wie auf einer Achterbahn aus der Perspektive des Tees entlangfahren, so ist doch der Rest des Films ebenfalls von einer Getragenheit, gibt den Diskussionen und den Bildern der Fabrik Zeit sich zu entfalten, und versperrt sich der Logik einer Aktionsdramaturgie. Wir beobachten zwar die langsame Veränderung des Teeprodukts, aber es gibt kein Gut oder Schlecht, keine Wertung des Geschehens, & vor allem kein Ende eines Geschehens. Das geht jetzt weiter, sagt Coppens. Der Arbeiter, der ihr Kamera-Assistent wurde, während des Drehs, filmt jetzt dort weiter. Anthropologische Perspektive eben.

Ich erinnere mich daran, dass das Festivalteam beim ersten dokKa Treffpunkt gestern, darüber sprach, dass sie letztes Jahr mehr gewöhnliche Narrative hatten, dieses Jahr sind wieder mehr ungewöhnliche dabei, und man freue sich darüber: über den Mut, Dinge anders zu erzählen, Dinge auszuerzählen, dem Ganzen die Zeit zu geben, die es braucht, eher impressionistisch zu arbeiten als nach einer aristotelisch-aufgezwungenen Drei-Akt-Struktur.

Markus und meine Konzentration lässt immer noch zu wünschen übrig, wir haben uns so viel zu sagen und lange nicht gesehen, ich gebe uns eine 3+. Aber es wird schon besser. Ich fühle mich langsam den ungewohnten Muskel des Sichtens solcher anspruchsvolleren Filme -auch daheim eben- trainieren, den Kosmos meiner Gedanken öffnen für das, was nun folgen wird, die nächsten Tage. Ich mache mich bereit, den Kinoraum neu zu denken. Einen Kinoraum, in dem ich nun einen Gute Nacht Song abspielen darf und ein paar Schritte tanzen kann, bevor es (ganz bestimmt auf dem Hochbett diesmal, jaja) zum Schlafen geht. Bis morgen.

 

 

Gwendolen van der Linde