Tag 3

 

Wohin wandert der Geist? Schlägt er eine Brücke hinüber, dorthin, nach Anderswo? Dorthin, wo Wahrheiten gemurmelt werden? Wo Halme sich wiegen im Wind und Drachen fliegen. Sie steigen hoch in die Lüfte, tief in den Himmel hinein, in die Höhle unseres Schädels. Und die Musik unserer Bewegungen hallt in ihm wieder, entfesselt Impulse, tief sitzende Gesten und Artikulationen. Ein Körper spielt ab, was der Geist in der Spanne eines Lebens aufgenommen hat.

Wir schleichen durch Flure, die Windungen der Pfade entlang. Und alte Stimmen fragen dann: „Wohin des Weges?“. Und da, da sitzen wir am Tisch und trinken Apfelschorle und wir schließen die Augen, schließen die Vergangenheit und sind hier, treiben Schabernack und verrücken Dinge. Bis uns ein Gedanke wieder davonträgt, auf den Flügeln junger Stimmen. Farben und Jahre ziehen vorbei, formen sich zu Bildern, die sich im Wasser spiegeln, in den Augen der anderen, die mit uns hier sind. Einen Augenblick bleiben sie erhalten, bevor wir hineinspringen und sie verwirbeln und verschwinden.

Gestern war vorgestern. Perlen an einer Kette und wir tragen sie um den Hals. Die Sonne im Herzen und eine Zwiebel im Bauch. Die Schichten des Gesteins schälen sich ab und was bleibt ist ein nackter Geist. Nur Nebel wabert noch durch den Wald unserer Welt, wir reiben uns die Augen, Lider schlagen auf und blicken die Stämme des Lebens hinauf. Kurz stehen wir ganz still. Was die anderen wohl sehen? Und wenn die Wolken dann aufreißen und Licht durch die dichten Blätter bricht und die Summe der Sterne sich mit uns vermischt. Dann beginnen wir zu glühen, ja dann beginnen wir von innen zu leuchten.

 

 

Das innere Leuchten. Manfred Volz streicht, fühlt und sieht, was wir nicht sehen können. Ich habe es so gemocht und hatte meine helle Freude, auch wenn es natürlich nicht nur zum Lachen ist. Meine eigene Oma steuert seit einiger Zeit auf das Leuchten zu. Ich liebe sie und ihre Art, wenn sie hundert Mal das gleiche fragt, im Kopf kreist, sich immer wieder um die gleichen Dinge sorgt (kein Portemonnaie), wenn sie mir eine Tüte Lebensmittel packt und bei jedem Gegenstand fragt: magst du manchmal Orangensaft? Isst du diese Chips noch? Und dann packt sie alles von der einen Tüte in eine andere und fragt alles nochmal von vorne. Ich lache immer sehr, wenn ich das erzähle, aber eben aus Liebe zu den ganzen Eigenarten meiner (in die Jahre gekommenen) lieben Großmutter.

Ein wichtiger Film, ein feiner, poetischer Film. Und kann man sich nicht wirklich noch eine Scheibe abschneiden, zum Beispiel von Manfred, den wir die meiste Zeit sehen und begleiten? Hier und da dem Nachbarn in aller Ruhe einen Joghurtbecher aufs Bein stellen, Schuhe klauen, Möbel verschieben, Papierschuhe basteln. Ein kreativer, inspirierender Kopf, der Manfred. Klopfen, summen, singen, tanzen. Fragen, ob alles gut ist und das alles schon wieder wird. Und der Musik lauschen. Nun aber gut mit der Schwärmerei.

Was ist sonst passiert?

Es ist wieder da, das dokKa-Wetter. Es ist warm, die Sonne scheint, kurz ziehen dunkle Wolken hinter dem Hochhaus auf, eine Krähe hüpft hilflos neben dem Zelt vor der Kinemathek auf und ab, sucht vielleicht ihre Krähenfamilie. Fiel sie aus dem Nest und hat sich verletzt? Ich nehme mir vor, gleich nach ihr zu schauen.

Familie spielt auch in Bruderliebe von Julia Horn eine große Rolle. 106 Minuten begleiten wir Markus und Michael:

Zwei Männer liegen auf einer Matratze, schauen sich nacheinander an, blicken sich in die Augen. Der eine holt eine Wäscheklammer aus einer Tüte neben sich und klemmt sie sich ans Shirt, der andere greift vorsichtig danach und legt sie sich auf die Brust. Eine unglaublich tolle Szene, die amüsiert und gleichzeitig unglaublich anrührt. Markus hatte einen schweren Unfall, ein Auto rammte ihn und er fiel mit dem Hinterkopf auf den Asphalt und ist seit dem schwer geschädigt. Er kann nicht sprechen, ist an den Rollstuhl und ans Bett gefesselt. Die Ärzte hatten kaum Hoffnung. Michael hingegen ließ sich von den Meinungen der Ärzte nicht beeindrucken. Er nahm seinen Bruder bei sich auf, kümmerte sich, pflegte ihn. Mehr noch, er gab sein Privatleben auf, setzte alles, wirklich alles daran, seinem Bruder zu helfen, ihm die Liebe zu schenken, die die Familie bisher nicht imstande war zu geben. „Ich fühle mich wertvoller.“, sagt Michael über sein Leben mit Markus. Der Vater hat den Kontakt mehr oder weniger abgebrochen, ist überfordert, hoffnungslos. Es kommt nach einigen Jahren zum Treffen. Markus schaut seinen Vater an, schaut nicht weg, greift nach seiner Hand. Ein bewegender Anblick, auch weil der Vater sich offensichtlich nicht zu platzieren weiß, nicht weiß, was er sagen soll und gleichzeitig sehr traurig scheint.

Michael beobachtet Markus, analysiert seine Bewegungen und Handlungen um ihn besser zu verstehen. Pflegern gegenüber ist er misstrauisch, sie verstehen Markus nicht, gehen nicht auf ihn ein. Er scheint fast besessen von der Idee, Markus weiter voran zu bringen, ihn zu stärken, zu heilen. Ich frage mich zu Beginn, ob sich denn hoffentlich mal jemand gefragt hat, ob Markus das alles überhaupt will. Weiterleben, an den Rollstuhl gefesselt, ständig im Kampf mit dem eigenen Körper. Michael hat aber gefragt, wie sich dann herausstellt. Markus hat genickt, sagt er. Er muss es also wollen. Oder macht er es nur, weil er Michaels Liebe spürt, seinen Willen, weil er spürt, dass er jetzt Michaels Lebensinhalt ist. Am Ende allerdings ist aber auch Michael erschöpft, ausgelaugt, überfordert. Er erleidet einen Herzinfarkt. Dennoch geht es weiter und am Ende schauen beide aufs Meer, das hat sich Markus immer gewünscht. Michael wiederum wünscht sich, dass Markus irgendwann alleine am Meer stehen kann ─ soweit ist es noch nicht. Aber es geht um den Moment, um den Prozess. Auch Filmemacherin Julia Horn stieß an ihre Grenzen. Zehn Jahre lang hat sie die beiden begleitet. Irgendwann erlitt sie selbst ein Burn-out. Aber der Wille die Aufgabe fortzuführen, schien auch bei ihr sehr stark.

 

 

01:01

 

Ich sitze draußen, schreibe noch ein wenig für euch, Vital genießt sein zweites Bier und unterhält sich. Nebenan dröhnt Clubmusik, Motorräder fahren vor und posieren, die Schlange vor dem Einlass ist lang, die DokKa leert sich.

Ich war grade in der letzten Vorstellung, die über zwei Stunden ging. Olanda. Ein Film der mich unter dem rumänischen Sternenhimmel, am Lagerfeuer sitzen ließ und ich folgte Sammler*innen- auf der Suche nach Pilzen und Heidelbeeren, Saisonarbeiter*innen die für einen Hungerlohn schuften, von Tal zu Tal. Dunkle Wälder, tiefe Nacht und der Regen.

Um drei Uhr in der Früh geht es los, in Gruppen suchen sie den Waldboden ab- einen Tag sind es nur zwei bis drei Kilo, den anderen auch mal 20. Hast du keinen Orientierungssinn und kennst du die Region nicht, stirbst du.

„Meine Kinder können nicht sagen, dass ich nicht für sie geschuftet hätte…“, singt ein Mann im Radio. Den ganzen Tag geht es nur um Geld und um Preise, sagt Bernd Schoch, der den Film zusammen mit Maria Trifu gemacht hat. Sie half ihm bei der Übersetzung und dem Kontakt zu den Menschen vor Ort. Schon früher fuhr er in diese Region, tourte durch die Karpaten. Auch Kinder leben in den Camps, fragen nach den Bären und Wölfen, die tief im Wald leben. Sie zelten oder schlafen in Autos, spielen und trinken abends unter dem Mond. Das Aufstehen fällt schwer:

„Aufstehen!“

„Leck mich am Arsch.“

Eine junge Frau läuft durchs Unterholz, hebt Äste, gräbt im Moos. Sie findet einen besonders schönen und großen Pilz. Sie küsst ihn.

Geheimnisvoller Pilz. Nicht Tier, nicht Pflanze.

Häufig folgen wir in der Dunkelheit nur Geräuschen und Strukturen, Detailansichten, Bildern, die wir nicht recht zuordnen können. Traumartig, faszinierend.

Bis der erste Schnee fällt. Dann verlassen die Sammler und Sammlerinnen das Tal. Eine Region die schon seit Ewigkeiten ihnen gehört.

Ob das noch lange so bleibt? Im Gespräch sagt Schoch, dass durch die Transalpina die Menschen und ihre Arbeit hier bald vertrieben werden, dass das Sammeln hier bald ein Ende hat. Ich bin sehr froh, ihnen einmal gefolgt sein zu dürfen. Ein spannender, toller Film. Und jetzt erstmal ab ins Bett und froh darüber sein, nicht so früh aufstehen zu müssen- die Sonne erstmal aufgehen lassen.