Tag 2

Kurze Pause, die Besucher und Besucherinnen versammeln sich im Zelt zur Besprechung von Trial and Error.

Ich atme einmal tief durch. Vital und ich teilen uns dieses Jahr ein wenig auf, damit wir nicht wieder bis tief in die Nacht unsere krakeligen Notizen entziffern müssen. Deswegen konnte ich grade im Saal während der Vorstellung von Marie Falkes Dokumentation auch mal die Augen zumachen, ohne dass meine Hand den Stift übers Papier jagt. Was höre ich? Die Stimme eines Mannes, Uhrenticken und alte Tanzmusik. Ich genieße das Abschweifen. Weil es eben auch dazu gehört. Sich bewusst machen, wie schön und ergreifend das eigentlich ist, das Umherreisen im Kinositz, durch fremde Leben ziehen, die plötzlich so nah scheinen. Das Sammeln von Eindrücken, das Sammeln von Gedanken und Ideen. Das Sammeln und Suchen von Erinnerungen. Ich habe das Gefühl, mir wird das hier noch häufiger begegnen.

Maryam Zaree, auf der Suche nach dem dunklen Fleck in der Geschichte ihrer Familie; Die Strände von Agnès, eine Collage der Erinnerung, ein Teppich aus Farben, neuen und alten Aufnahmen, Animationen und Kulissen. Gideon Bachmann, umgeben von Objekten, Figuren und Sammlungen seines Lebens.

Sich inspirieren lassen von der künstlerischen Suche einer Agnès Varda ─ auf der Suche nach dem eigenen Schaffen, dem eigenen Wirken, auf der Suche nach sich selbst, seiner Vergangenheit. Die Strände von Agnès steckt an, beeindruckt, ist authentisch.

Agnès Varda filmt schon als junges Mädchen, aufgewachsen in Sète, am Meer, ein Motiv, das sich durch ihre Arbeit zieht. Aufnahmen von Kindern die spielen, Männer die Fischernetze ans Land tragen.

Es treibt sie schnell fort, ab nach Marseille, und sie träumt davon, mit einem Wanderzirkus durch das Land zu ziehen. Der Film ist verspielt, die Künstlerin inszeniert sich und ihre Vergangenheit. Zum Teil mit Schauspieler*innen nachempfunden, zum Teil mit alten Aufnahmen ihrer Filme, die Teil der Nouvelle Vague waren. Es geht um das Verschmelzen; altes Material verschwimmt mit neueren Aufnahmen, echte Schauplätze werden durch Kulissen ersetzt- aber was heißt echt? Vardas experimenteller Umgang mit Film und Dokumentation zeigt, dass es diese Begrifflichkeiten nicht braucht, dass dem künstlerischen Forschen und Suchen alle Mittel zur Verfügung stehen, die sich denken lassen. Und gerade das ist so faszinierend.

„Ich war sehr realitätsfern, ich wusste nichts.“, sagt sie zu Beginn, und ich glaube, dass genau das es ermöglicht, sich auf Experimente einzulassen, unbekanntes Terrain zu betreten. „Ich mag Bilder, ich mag Worte. Wenn ich das zusammenfüge, ergibt das schon einen Film.“

Im Bauch eines Wales sitzt sie, eingehüllt und umgeben mit den schönsten, buntesten Stoffen, nicht müde eine Bruchbude in ein kreatives Umfeld zu verwandeln, in dem sie mit ihren Kindern und Jacques Demy lebt. Nachbarn nutzt sie als Modelle, die Umgebung in der sie lebt, wird zur Bühne und sie lehrt uns, dass es nicht viel braucht, um Großes zu schaffen, um das zu machen, wofür man brennt. Und immer wieder ist sie auf Achse, reist um die Welt und zu Preisverleihungen. Sie ist mit Andy Warhol befreundet und Jean-Luc Godard, spukt in den Köpfen der Kreativen und der Schaffenden. Auch Maryam, die gestern ihren Film Born in Evin vorstellte, erzählt, dass ihr die Filmemacherin in einem Traum erschien. Sie fragte sie, was sie denn nun wirklich wolle.

Agnés Varda schien ihr sagen zu wollen: werde nicht müde; werde nicht müde nach den Dingen zu fragen, sie zu suchen und auch in dich selbst hineinzuhorchen, dein eigenes Puzzle zusammenzusetzen. Sei auch wütend, sei neugierig, sei geduldig, sei genügsam, lass dich treiben, lass dich mitziehen. Schütte alles aus und füge es wieder zusammen!

„Meine Erinnerungen kreisen um mich wie Fliegen.“, sagt sie am Ende noch. Und ich mag das Bild, auch wenn es nicht nur schön ist.

Die Fliegen tauchen auch am Ende der Hördokumentation von Sonya Schönberger und Norbert Lang auf. Es geht um André Müller, bekannt als radikaler Fragensteller. Er interviewte berühmte Personen, Politiker*innen, Schriftsteller*innen, Künstler*innen, wie zum Beispiel Elfride Jelinek, Nina Hagen, Ernst Jünger, Joschka Fischer und Marcel Reich-Ranicki. Letzterer war häufiger Gesprächspartner, meistens endete es im Streit. André Müller suchte nach seelischen Abgründen, forschte mit seinen Fragen nach dem Dunkelsten in jedem, kratzte an Substanzen, grub nach Ängsten und provozierte. Er galt als Vampir, als verdammte Krähe.

279 Kassetten Rohmaterial lagerten nach seinem Tod in seiner Wohnung und wurden von Lang und Schönberger als Ausgangsmaterial verwendet. Was passiert, wenn die Antworten der Interviewten durch Instrumente ersetzt werden? Hier dürfen wir es erfahren. Der Fokus liegt nur auf dem von Müller Gesagtem, seinem Lachen, das unangenehmer nicht sein könnte. Reich-Ranickis Geblase und Getöne braust und poltert.

„Warum wirkten Sie so angeschlagen? Was war da los? Haben Sie schon mal daran gedacht sich umzubringen?“

Das Enfant Terrible Müller bohrt nach, unterbricht, umzingelt und bedrängt. Nicht zuletzt auch seine Mutter in einem Gespräch, das er 1989 für die Zeit führte.

Hier wird es erst so richtig unangenehm, ich drücke mich tiefer in den Sitz, schaue zu Boden. Müller bleibt vehement, die Stimme der Mutter wirkt unsicher, bricht ab. „Wieso bin ich auf die Welt gekommen, erklär mir das?!“, „Das rührt dich jetzt schon wieder so, warum weinst du jetzt, was ist denn jetzt so heikel daran?“, hört man ihn ohne Verständnis gegen sie vorgehen. Der Vater hat sie vermutlich dazu gedrängt, sie vergewaltigt. Sie scheut sich dies auszusprechen. Müller scheint unbeeindruckt.

Zwei Fliegen schwirrten durch die Wohnung seiner Mutter, erzählt er. Und sie habe gesagt, dass sie sie wohl noch überleben werden. Am nächsten Tag ist sie tot. Er erzählt, als er in die Wohnung kam, lebten die zwei Fliegen noch. Er schlug sie daraufhin tot. Und lacht sein unangenehmes Lachen.

Als ich aus dem Kinosaal komme, brauche ich erstmal einen Kaffee und da sitzt dann auch eine; eine besonders dicke, fette schwarze Fliege und umkreist den Tisch an dem wir sitzen.

Wenn Vital gleich aus der Vorstellung von Congo Calling kommt, vielleicht brauchen wir dann erstmal ein Bier. Denn manchmal lassen einen die Filme und Hörstücke auch mit einem unguten Gefühl zurück, aber darum geht es ja auch, um die unbequemen Wahrheiten und Probleme, die uns alle betreffen, neben den Träumereien und Spielereien summen und surren auch die dunklen Insekten.

Gregor Kuschmirz‘ Installation Die andere Wange war ebenfalls bedrückend.

Zwei Lautsprecher kreisten durch den Raum des Architekturschaufensters in der Waldstraße 8.

Sie schreien, drehen sich, suchend und flehend und prallen dann aufeinander, im Moment des Knalles verstummend. Eine physische Gewalt und eine auf die Betrachtenden übergehende Einsamkeit. Es sind Stimmen und Wehklagen des Verlustes, das Weinen und Schreien Angehöriger, die einen Menschen verloren haben, wie wir später im Gespräch erfahren. Es geht dem Künstler auch um das Bewusstsein, um maschinelle und künstliche Intelligenz. Wer sich die Arbeit von Gregor Kuschmirz nochmal anschauen möchte, kann das in den folgenden Tagen tun.

 

 

Wo beginnt das Leben und wo hört es auf? Am Ende vom Ende? Das hat sich Gideon Bachmann sicher auch gefragt. Aber wer war dieser Mann und wer ist er noch? Als Stimme auf den vielen Aufnahmen seiner Interviews, als Gesicht auf Fotos und in Videos und natürlich abgebildet als junger und alter Mensch im Dokumentarfilm Trial and Error von Marie Falke, der gestern, am 30.05.2019 auf dokKa, Weltpremiere feierte.

Marie Falke widmete sich der Sichtung und Archivierung hunderter Stunden Tonmaterials aus Bachmanns Interviews. Später filmt sie, mit ihrer Kollegin Sophia Schiller, die darauffolgenden Begegnungen mit ihm in seiner Karlsruher Wohnung.

Hier sind die Erinnerungen, an sein bewegtes Leben, in vollen Kisten versteckt.

Sie beginnt all die Fotoalben, alten Zeitungsartikeln und Filme zu sichten und konfrontiert Gideon dadurch mit seiner Vergangenheit. Wir treten ein in die Welt eines ermatteten Sammlers, der sich in der letzten Phase seines Lebens befindet. Nicht zuletzt erhofft er sich durch das junge Filmteam die Erweckung seiner alternden Lebensgeister. Eine Hoffnung, die in Momenten hilfloser Wut schnell in Enttäuschung umschlagen kann. Wir sehen einen unruhigen Mann, durchzogen von seinen eigenen Worten, die aus einer vergangenen Zeit zu ihm sprechen. Der Welt fern und gleichzeitig nah. Stur und witzig.

Wir müssen aufpassen was wir sammeln. Denn an viele Dinge sind Emotionen gebunden, die angehäuft zu einer erdrückenden Last werden können. Was sind die Dinge die uns definieren? Ist es eine geheime Wahrheit, die in uns versteckt ist? Was sind wir jenseits von Fotos und Videos, die anderen eine Vorstellung von uns simulieren? Was sind wir jenseits von Erinnerungen an eine Vergangenheit die nicht mehr existiert?

 

Wir wissen es nicht. Was ist mit dir?