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Taming the Garden

Mensch, Maschine und Natur begegnen sich in diesem opulenten dialogarmen Film, die die Reise gewaltiger Bäume in einen künstlich gezüchteten Garten begleitet, den der ehemalige Premierminister von Georgien in einem Akt abstrusen Größenwahnsinns entstehen lässt. Für das Entreißen der Bäume von ihrem heimatlichen Boden bezahlt er Unsummen, lässt neue Straßen asphaltieren, durchschneidet störende Stromkabel, lässt Bauarbeitet monatelang schwitzen – und schließlich die Bäume auf einem Schiff über das Meer transportieren. Mit diesem Akt kommt er mir fast wahnsinniger als eine Vielzahl bekannter Diktatoren wie Gorbanguly Berdimuhamedov aus Turkmenistan vor, die doch alle gerade für ihren Wahnsinn bekannt sind. Es ist ein gutes weiteres Beispiel dafür, dass mächtige Menschen scheinbar fast immer einen an der Waffel haben – oder bekommen, durch die Macht selber, unauflösbar wie das Huhn und das Ei.

Dieses spektakulär-groteske Schauspiel ist sicherlich ein gutes Sinnbild für das generelle überhebliche Verhältnis des Menschen zur Natur, für seine Grandiosität und Selbstüberschätzung, seine unaufhaltsame Zerstörung der Erde und seine Kontrollsucht. Es ist zugleich auch genau das Gegenteil, nur das, was es ist: ein poetisches, verurteilungsfreies Beobachten. Die unkommentierten Bilder, von Nahaufnahmen des Werkeln der Maschinen im Boden, Durchstoßen langer Bohrer in die Erde, zu langen Master Shots ganzer Baumkronen mit flatterndem Blätterwerk, werden abgelöst durch beifällige Gesprächssituationen der Bauarbeiter oder Landsleute, die das Geschehen beobachten und kommentieren. Letztere liefern auf unaufdringliche Weise genau die Menge an Informationen, die wir als Zuschauende brauchen, um den Prozess zu verstehen.

So oszilliert die Regisseurin Salomé Jashi fein zwischen ökologisch aufgeheiztem Thema und tarkovskijeskem Bildpoesie. Beides schließt sich auch gar nicht aus; im Gegenteil, die Hintergründe und die Abstrusität werden dem Zuschauenden klarer vor Augen geführt, eben dadurch, dass sich des Kommentares verweigert wird. Ein Kommentar würde diese Bilder nur verwässern.

Einer der vielfachen Bedeutungsebenen, mit denen die Impressionen spielen, ist die sexuelle Konnotation, die natürlich den machthungrigen Ex-Premierminister auf den Arm nimmt. Vom Penetrieren der Erde durch die dicken Bohrer, bis him zum erneuten Aufrichten der Bäume im künstlichen Park, in denen sie noch mit Seilen aufrecht gehalten werden müssen, haben die Bilder einen satirischen Subtext, die die männliche Obsession mit Potenz angreift. Deswegen ist das Abschlussbild, bei dem die Sprenkelanlagen im künstlichen Park angehen und alles befeuchtet wird, auch von einem sarkastischen Humor. Dazu trillern die verschiedenen exotischen Vögel des Parks, die sich dann mischen mit Vogelstimmen Aufnahmen und hüpfenden, grotesken Gesängen, eine meisterliche und ekstatische abschließende Klangcollage der Komponistin des Films.

Die spärlich eingesetzte Musik ist eine gelungene Untermalung des mystisch anmutenden und skurrilen Werkes. Wie Jashi sagt, beginnt sich der Baum ab etwa der Hälfte des Filmes, durch die Arbeiter, zu bewegen und ab da sind wir in einer mythischen Welt, abseits der Realität. Da passt es auch wunderbar, dass der allererste Dialogteil ein Mundpropaganda-Märchen eines der Bauarbeiter ist, über eine alte Dame, die Geld für einen Baum vom Premierminister bekam. So fügt sich jeder Teil dieses Filmes zu einem kompletten, fein geschliffenen Ganzen, das seinen Höhepunkt sicherlich in der imposanten Einstellung findet, in der wir aus Vogelperspektive den riesige Baum übers Meer fahren sehen.

Regisseurin Jashi erzählt von zwei Malen, wo sie geweint habe, beim Drehen, beim Fällen eines kleinen, schönen Baumes, den niemand mehr einpflanzen würde und der Erzählung einer Landsfrau. Im Film sehen wir gerade ältere Frauen weinen über das Wegnehmen der Bäume, die sie sicherlich ihr gesamtes Leben um sich hatten, wie ein Teil ihrer Identität, ihrer Heimat, die ihnen entrissen wird, während junge Menschen unberührt mit dem Handy filmen. Es wird dadurch für mich auch zu einer Reflektion über eine sich verändernde Welt, sich verändernde Werte.

Wohin gehöre ich, wo ist ein Ort zu finden auf dieser Welt, fragten Filme in den vergangenen Tagen. Am heutigen beschäftigten sich wieder zwei Filme ausdrücklich mit der Natur, der lokalen Verankerung, der Frage nach Heimat, was diese mit uns anstellt, wie wir sie verstehen. Meine These vom ersten Tag, das wir Teil der Natur sind, wird durch das Wegreißen der Bäume von ihrem Boden und ihren Menschen, auf den Kopf gestellt. Wie dringend, wir uns abheben und übermächtig sein wollen, uns die Natur zu eigen machen, künstlich, was natürlich ist, ein Plastikpark. Wie abstrus der Gedanke von Besitz: dass wir überhaupt meinen, einen Baum, der da einfach so steht, auf dem die Vögel und Insekten und Pilze sich von Natur aus breitmachen, besitzen zu können!

Der Entfremdung, die dadurch vor sich geht, fallen letztendlich auch wir zum Opfer, denn was gewinnen wir schon davon. Der Mensch als Mängelwesen, fällt mir Arnold Gehlen ein, der von einem Besucher am zweiten Tag in Bezug auf „Das Mädchen, das vom Himmel fiel“ zitiert wurde, und dies passt auch auf so gut wie alle anderen Filme. Je mehr wir krampfhaft versuchen, diesem Mangelhaften zu entfliehen, also unserem überladenen Denken, unseren unerfüllten Sehnsüchten, Schmerzen, Widerständen, Ängsten, Impotenzen, indem wir uns immer weiter radikal von der Natur entfremden oder Realitätsflucht betreiben – desto mangelhafter werden wir. Sowohl Unter Blauem Himmel als auch Taming the Garden waren heute gute Beispiele dafür.