dokKa Blog zu Sout tschêl blau (Under blue skies)

Under Blue Skies

In den 80ern und 90ern gab es im Dorf Samedan im Engadin, einem Hochtal im schweizerischen Kanton Graubünden, eine Jugendbewegung, die dem Heroin verfiel, woran viele starben. Ferienparadies wurde Heroinparadies. Bewohner und Angehörige verschwiegen die Tragödie über Jahrzehnte. Deshalb macht Ivo Zen viel mehr einen Film über das Verschweigen einer Vergangenheit und wie sich dieses nach und nach in Worte verwandelt als über die Sache selber. Wir sehen den Interviewpartnern dabei zu, wie sie langsam eine Sprache dafür entwickeln, was passiert ist und wie sie darüber fühlen. Wie sie Gegenstände und Fotografien aus der Zeit auf einen Tisch im Keller eines Kulturhauses im Dorf legen und somit ein Archiv, das Museum der Opfer, beim Entstehen beobachtet werden kann. Das ist für viele befreiend, aufräumend mit der Vergangenheit. 

Ivo Zen sagt im Interview: Gefallene Soldaten im Krieg feiern wir wie Helden, diese Geschichten kehren wir unter den Tisch. Er leuchtet das Licht dahin, wo es unangenehm wird, keine Frage: der Film – und der Archivtisch – beginnen mit dem Brief einer Familie, die ihm vorwirft nur sinnlos alte Wunden aufzumachen und nicht teilnimmt. Im Gespräch erzählt Zen, dass diese Familie erheblich Druck vom Umfeld bekam, so ungern wollen die Engadiner die Tragödie im Rampenlicht haben, wo sie doch für ihre traumhaften weißen Schneepässe bekannt sind. Ein Ferienparadies.


Deshalb verzahnt der Regisseur nicht unabsichtlich Natur und die Suchtthematik miteinander. Begründung für die starke Zunahme an Drogenabhängigen in diesem Gebiet (was allerdings in der ganzen Schweiz und Raum Zürich besonders ein Problem war) ist für ihn – und einer der Überlebenden der Zeit im Interview – unter anderem diese dörfliche Enge. Zur Unterstreichung dieser lokalen Verankerung wird auch Annemarie Schwarzenbach zitiert, eine Zürcher Schriftstellerin und Fotografin, die sowohl morphiumsüchtig war als auch über die Landschaft des Engadin und ihre Sucht schrieb. Darüber, wie kalt und warm diese Landschaft mit dem schmerzhaft blauen Himmel ist.

Für Zen hängen Landschaft und Erinnerung zusammen: wir sehen zahllose pittoreske Aufnahmen des Dorfes und der Bergspitzen, fallender Schnee in der Nacht, gleißendes Licht auf weißen Endlosdecken an Schnee. Es ist eine Landschaft der Extreme, kinematographisch bis ins Mark, so dermaßen kalt, sagt Zen, dass man es in den Aufnahmen, die sie gemacht haben, spüren muss.

Diese Kälte wird in den Knochen derjenigen gesteckt haben, die süchtig wurden. Ursprünglich waren sie eine lose Gruppe an jugendlichen Rebellen, die wie die Love Generation in den 60ern mit Missverhältnissen aufräumen und ausbrechen wollte. Besonders im ländlichen Raum ist das fast eine Notwendigkeit. Die meisten spielten auch Musik in Bands. Zen greift das auf, in dem er für den Film eine Veranstaltung mit einer Live Band filmt, die im Croce Bianca auftreten, dem Lokal, das für die Heroinsüchtigen bekannt und diffamiert wurde. Hier sprechen Angehörige und Überlebende scheinbar zum ersten Mal darüber und in der Abschlusseinstellung sehen wir ein paar Umarmungen, etwas bewegt sich, etwas löst sich endlich. Immer wieder drängt die stotterige krautrockige Musik der Band durch die kalte Landschaft und die Erzählungen der Überlebenden.

Diese bekommen jedes Mal einen Gegenstand oder Brief von Zen, über den sie reflektieren können, um die Gespräche fließen zu lassen. Viele sprechen Rätoromanisch, das seltsam fremd und bekannt im Ohr, das es noch nie gehört hat, klingt, mit den einzelnen italienischen oder deutschen Worten. Es verweist wieder darauf, wie einzigartig, abgelegen, ungewöhnlich, auch unnahbar dieser Ort ist. Das die Menschen von hier damit geboren werden, das zu sein: anders als ein großer Durchschnitt an Leuten, die in Metropolen aufwachsen, Außenseiter, Abseitig. Ein Vater am Friedhof, auf dem er gearbeitet hat, nun das Grab seines Sohnes besuchend, reflektiert nachher, dass sein Sohn all die Jahre schon nicht mehr dort war. Dass er nur noch in seinem Herzen ist, nicht im Grab. Dieses Gespräch zu führen und diese Worte zu sagen ist heilsam für ihn, und schon alleine dafür ist es klar, warum ein Film wie „Under blue skies“ gemacht werden muss. 

Ein Paar hat es zusammen aus der Zeit geschafft, sind Genesende und Überlebende und geben der traurigen Geschichte zumindest einen Funken Hoffnung. Sie lesen aus „Wir Kinder Am Bahnhof Zoo“ und die Augen des Mannes werden nass, als ihm bewusst wird, wie dankbar sie sind, dass sie es geschafft haben. Wir sehen ihn auf sein Motorrad steigen und durch die weiße Landschaft wegfahren und es ist und zumindest ein Augenblick des, – wenn auch stillen, andächtigen – Jubels gegönnt. Er hat die Landschaft überlebt.

Ein anderer Überlebender erzählt, dass er halbjährlich auf einer Berghütte verbrachte und vielleicht deswegen mehr – wortwörtliche – Perspektive hatte als die Dorfjugend im Tal, die so gerne Autonomie wollte, und Abhängigkeit der größten Rangordnung bekam, feststeckend in einer Lebensrealität, aus der es nur die Realitätsflucht gibt. Die Ironie ist so bitter, dass sich mir der Magen beim Schreiben des Satzes umdreht. Der Überlebende, der Schädel sammelt, und zum Abschluss in einem beinah Hamlet’schen pompösen Moment einen Schädel auf den Archivtisch legt, legt auch in einer anderen Szene ein Feuer im Schnee, die glühenden Funken im Dunkel der Nacht um ihn zischend, spricht er von Spiritualität, dass für ihn die Erlebnisse auf den Bergen spirituell waren.

Ich denke: es braucht im Leben, in der eigenen Realität einen starken Zugang zum Spirituellen, zu etwas in der Seele, um einer Sucht Herr zu werden oder sie vermeiden zu können. Denn die Sucht ist selber oftmals ein drängendes Bedürfnis nach Transzendenz, nach tiefer spiritueller Verbindung, nach einem Mehr an dem, was unsere Scheuklappenperspektive uns bieten kann. Annemarie Schwarzenbach wird dazu abermals zitiert, sagt Sucht, das sei „eine Selbstverurteilung: den abseitigen Dämmertraum mehr lieben als das Leben selbst.“ Viele der Angehörigen haben sich damit inzwischen auch abgefunden, dass sie diejenigen, die ihnen verloren gingen, nicht retten konnten, dass man keine Kontrolle darüber hat. Andere wiederum finden, die Politik und Staatsgewalt hätte mehr eingreifen sollen, wie die Besitzerin des Croce Bianca, die darunter leidet, dass ihre Kneipe so einen schlechten Ruf bekam. Eine Mutter würde sich die Hand abhacken, um den Sohn gerettet haben zu können – da kann man nicht verlangen, dass jemals Akzeptanz geschieht.

Was aber zu verlangen ist: das Schweigen zu brechen, immer wieder, gerade in Bezug auf stigmatisierte Tabuthemen wie Sucht. Schwarzenbach hat es zwar schön ausgedrückt, dass da ein Sehnen nach einem Dämmerzustand vorhanden ist – und dennoch, wenn man sich einmal wirklich mit Genesenen austauscht, weiß man: die Sucht ist keineswegs eine Entscheidung, sie ist ein Zwang. Jedes verlorene Leben ist eine verlorene Chance. Die meisten, die es rausschaffen, haben eine Liebe für das Leben und eine Dankbarkeit, die jeden Normalsterblichen übertrifft. Es liegt auch an uns – und damit meine ich Politik, Gesellschaft, Gemeinschaft, Familien und Individuen – ein Leben und eine Wirklichkeit zu erschaffen, die es wert sind, die mehr zu lieben sind als ein Dämmertraum.