dokKa Blog zu Innenansichten einer Partei

Innenansicht im Dunklen – Die Empathie-Maschine im Schleudergang

 

„Innenansichten einer Partei“ ist ein Hörstück über eine Organisation, die mich von außen schon beunruhigt. Wahlplakate erklären uns derzeit, dass die AfD Deutschland ‚normal‘ machen möchte und dass deutsche Frauen respektiert werden müssen, egal ob sie Dirndl tragen oder sich für die Aufmerksamkeit der Wähler*innen halb nackt auf dem Wahlplakat der AfD räkeln. ‚Verwirrend‘, nenne ich das mal wohlwollend. Für mich scheint klar: Die AfD traut den eigenen Wähler*innen nicht zu zu merken, dass auch sie selbst Ideologien verkauft. Nur halt geschlechterbinäre, patriarchale und normative. Was also soll da noch eine Innenansicht? WDR-Redakteur Reinhard Schneider hat sich ein Jahr mit Menschen getroffen, die die AfD Wählen und dementsprechend zumindest nicht abgeschreckt von den Ideologien der Wahlplakate sein dürften. Die Hördoku berichtet von Menschen, mit denen ich tatsächlich einen Kaffee trinken und über das Wetter, das Gärtnern oder Fußball reden würde. Sie haben Kinder, neue Häuser und geplatzte Wohnprojekte, Vereine und Ehrenämter und sie wollen, dass sich in Deutschland was verändert. Und deshalb wählen sie alle die AfD. Es fühlt sich seltsam an, nett über die Protagonisten (es sind ausschließlich Männer) des Hörstücks zu schreiben - so seltsam, wie es sich auch anfühlt, die freundlichen und offenen Gespräche zu hören, die sie mit dem Autor führen. Wie sich herausstellt, sind viele von ihnen gar nicht so einverstanden mit Teilen der AfD-Ideologie. Wählen tun sie sie trotzdem. „Rechte Hetze finde ich unerträglich“ echot der Ausspruch eines AfD-Wählers immer noch in meinem Kopf.  Am Ende kann er sie aber anscheinend doch ertragen, denn er wählt sie ja, die rechte Hetze. Es ist, als hätte jemand in der Empathie-Maschine ‚Kino‘ den Schleudergang eingeschaltet. Es fällt mir überraschend schwer, mit der Ambivalenz zurechtzukommen, die sich auftut. Ich bitte deshalb Gwen, sich einzubringen.

 

– AC

 

Reinhard Schneider, WDR-Redakteur des Hörstücks „Innenansichten einer Partei - ein AfD Kreisverband im Ruhrgebiet“, gelingt mit der Montage seiner Gespräche mit AfD-Mitgliedern über einem Jahr Recherche hinweg eine beachtliche Dramaturgie. Ich erkenne es daran, dass ich beim Hören gewisse starke Emotionen in einer gewissen Reihenfolge durchlaufe, die durchaus eben genauso beabsichtigt sind. Meine erste Empfindung nach etwa 20 Minuten des 50-Minuten langen Hörstücks: Empathie mit den zur Sprache kommenden Mitgliedern, Verlierer einer Generation und systematischer Fehlentscheidungen einer großen Koalition der letzten 20, 30 Jahre, allen voran Hartz 4, Rentenpolitik und die eklatanten Unterschiede in den Lebensverhältnissen zwischen Ost und West. Die AfD ist mit Ausgeburt und Ergebnis dessen, notiere ich mir, und als Anhängerin der Radikalen Empathie will ich mir größte Mühe geben, auch hier zu verstehen, statt schlichtweg abzulehnen. Doch es wendet sich gekonnt das Blatt und mir dreht sich schlagartig der Magen um: zu etwa genau der Hälfte des Stückes, bedächtig platziert, die erste rassistische, mit jeder Vorstellung von der Würde eines jedes Menschen unvereinbare Aussage. Ein Vater kommentiert, dass er sich vor allem Sorge um seine 8jährige Tochter mache; er sähe doch, wie ihr muslimische Männer unter den Rock schauten; er wüsste doch, dass die alle chronisch untervögelt seien. Meine radikale Empathie schwingt erstaunlich schnell in Abscheu um. Die mit jeder weiteren Minute zunimmt und mit jeder weiteren gehässigen Aussage gegen Menschen, die einem überhaupt nicht persönlich nahestehen, über die man also de facto nichts wissen kann. Schneiders Stück ist gut, denn es zwingt mich in die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Haltung, es überwältigt mich auch zu Tränen, geboren aus dem Unverständnis gegenüber den vertretenen Meinungen. Es gelingt jedoch nicht – vielleicht auch einfach, weil es unmöglich ist – anschaulich zu machen, wie und wo genau aus der Unzufriedenheit mit Politikern und politischen Entscheidungen dann Hass gegenüber einer Minderheit wird, die diese Entscheidungen nicht verursacht haben. Das bleibt eine offene Frage, die ich mir im Hinblick auf die AfD immer wieder stelle.

 

– Gwen

 

„Uns würde es nicht geben, wenn die anderen ihren Job gemacht hätten“, heißt es gegen Ende des Hörstücks. Gwen scheint zuzustimmen, in mir hegen sich Zweifel. Unterbewusst tut sich die Vermutung auf, dass hier die Krux der Frage zu finden ist, die die Nicht-Afd-Wählerschaft -mich eingeschlossen- so beschäftigt: Wieso wählen Menschen die AfD? Grundsätzlich, das lohnt sich noch einmal zu erwähnen, liegt die Antwort schon im Namen der Partei: Sie sind nicht die anderen, sie sind die Alternative. Das lenkt das Narrativ auf die Fehler der älteren Parteien, welches auch immer wieder droht, das Hörstück zu bestimmen. Waren es aber wirklich Harz4, Rentenpolitik, Ost-West Konflikt und die Entscheidung, Geflüchtete nicht in den Tod zu schicken? Dabei scheint sich im Hörstück eine ganz andere Antwort bereit zu machen, eine noch gruseligere: Vielleicht wird die Alternative auch einfach gewählt, weil sie existiert? Spulen wir zurück zum Anfang. „Es geht uns um Gefühle“, sagt ein Kommunalpolitiker der AfD, direkt, nachdem er selbst kurz den Unterschied zwischen „wir“ und „ich“ vergessen und seine persönlichen Ideen als AfD Parteiprogramm verkauft hat. Das erklärt auch, wieso es für den Erfolg der Partei nicht einmal wichtig zu sein scheint, ob die AfD für ihre Wählenden eine „Erlöser- oder Protestpartei -oder sogar ein Pakt mit dem Teufel sind. Ich bin mir also unsicher, ob es „Innenansichten einer Partei“ nicht gelingt, die politischen Motivationen einzelner sichtbar zu machen -oder ob wir bereits alles sehen, was es hier zu sehen gibt. Angst um die eigene Tochter, gepaart mit Ideen von männlichen Bedürfnissen, die ja irgendwann explodieren müssen. Aufbegehren gegen ein matriarchales Europa, in dem sich Solidarität nach beschnittener Autonomie anfühlt. Vielleicht kennen wir schon alle Gründe und müssen uns damit abfinden, dass diese einzelnen Gründe für über 5 % der Wählerschaft genügen, um ihr Kreuz zu setzen. Das Hörstück scheint das ähnlich zu sehen und verrennt sich selbst nicht in der Frage nach dem „Warum“. Vielmehr wirft es eine neue Frage auf, und zwar die danach, wieso Menschen nicht hören, was die AfD Wähler beschäftigt, obwohl sie es seit gut einem Jahrzehnt in Kameras und Mikrofone sagen. Vielleicht können wir aufhören, nach dem ‚warum‘ zu fragen und den vorhandenen Antworten Aufmerksamkeit schenken. Wieso Menschen die AfD wählen? Vielleicht auch, weil wir ihre Kritik ganz offensichtlich nicht ernst nehmen. So wenig mir der Sinn danach steht, die AfD zu wählen, so sehr sehe ich „Innenansichten einer Partei“ als Anlass, sich auch der eigenen Innenansicht mal mehr zu widmen.

 

– AC

 

Ich stimme zu, dass die AfD gewählt wird, um der Frustration eine Stimme zu geben: das Häkchen dort soll ein Schlag auf die Fresse der „Altparteien“ sein. Nur kann man diesen doch besser und nachhaltiger in die Fresse schlagen, wenn man zum Beispiel als ein Rezo auf youtube „Die Zerstörung der CDU“ verlauten lässt; dafür muss nicht die AfD gewählt werden. Was mir nämlich auch am allermeisten Unbehagen bereitet: wie einer der Wähler Höcke und Kalbitz, wortwörtlich als Hitler und Goebbels beschreibt, und sie eklig findet, und DENNOCH (es muss all caps geschrieben werden!) diese Partei wählt. Das kann doch nur bedeuten, dass man derart ohne Rückgrat ist bzw. dass einem der Fresseschlag wichtiger ist als die eigenen Werte. Wenn der Wert Fresseschlag jedoch wichtiger wird als der Wert Menschlichkeit, sehe ich schwarz. Das Problem bleibt aber bestehen, dass die AfD so ihre Wähler*innen gewinnt, und dass es tatsächlich auch daran liegt, dass Politiker*innen seit Jahrzehnten dieselben Versprechungen machen und sie nicht einhalten–gerade erst begannen die Moderatoren beim Triell zwischen Scholz, Laschet und Baerbock fast jede Frage mit der Aussage, dass diese und jene Versprechung ja bislang noch nicht in die Tat umgesetzt wurde. Wie schwer offenbar politische Veränderungen sind, wie ungemütlich viel Geduld es braucht. Menschen mit viel weniger Perspektive als ich haben gezwungenermaßen auch viel weniger Geduld. Hiermit also die von AC zurecht geforderte „Innen“ansicht, als Linke-Mitglied: Die Linke müsste wieder die Arbeiter*innen Partei werden–stattdessen wird Sara Wagenknecht mit Kuchen beworfen. Und ihre Lösung, aus dem Problem einen Krieg gegen die Identitätspolitisch-interessierte „Lifestyle“-Linksjugend zu machen, ist eben auch keine–noch mehr sinnfreier Kampf in den eigenen Reihen! Es wird wichtig sein, viel mehr miteinander vereinbar zu machen statt gegeneinander aufzuhetzen, im Sinne der Intersektionalität: Identitätspolitik mit Klassizismus, Schutzraum für Asylsuchende mit Lösungsstrategien für frustrierte Wutbürger*innen, Ablehnung extremistischer Einstellungen mit gleichzeitiger Empathie für die Beweggründe und Hintergründe einzelne*r. Ob die Gleichzeitigkeit dieser Dinge möglich ist, oder ob es bei den Linken oder anderen Parteien, ähnlich wie bei der AfD von einem der Wähler am Ende des Hörstückes prognostizierten Riss, Spaltung geben wird/muss, bleibt abzuwarten.

 

– Gwen