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Bilder (m)einer Mutter

„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ höre ich jemanden Adornos geflügelte Worte zitieren, nach der Filmvorführung von „Bilder (m)einer Mutter“, und finde die Aussage durchaus passend für das Leben von Gabi Lischker, Mutter der Regisseurin dieses autobiographischen Filmes, der das Thema Mutterschaft und Familie von „Walchensee Forever“ aufgreift. Themenecke des Auswahlkomitees: autobiographische Filme, spezifisch von Frauen, über ihre Mütter. Melanie Lischkers Mutter ist „gegangen“, als sie 9 Jahre alt war – das erfahren wir ganz zu Anfang des Films, inklusive der Aussage, dass sie die Mutter das letzte Mal lachend nur von Bildern VOR ihrer Geburt kennt. Das Narrativ des Films ist so gebaut, dass wir bis zum Ende nicht wissen, welches „Gegangen“ genau gemeint ist, ob und woran sie stirbt, was durchaus eine gewisse Spannung für mich provoziert.

Formal setzt sich das Erinnerungsstück, in dem Melanie versucht, sich ihre verlorene Mutter zu rekonstruieren, aus vier Ebenen zusammen: da sind zum einen das Konvolut an Film- und Fotomaterial, das Melanies Vater schon seit seiner Jugend produziert hat, zuerst mit Super8, dann mit Video (wieder ist die Entwicklung der Filmtechnik implizit mit drin). Das Paar begegnete sich bereits mit 16, weswegen wir eine lange Entwicklung, Alterungsprozess, Veränderungen durch die Bilder nachvollziehen können. Die zweite Ebene bilden die Tagebücher der Mutter, die wir Melanie und ihren Vater wiederentdecken sehen, zu Anfang des Films. Der Vater hielt sie angeblich für verloren. Ausgewählte Schnipsel berichten uns von ihrer Jugend an bis zu ihrem Sterben von ihren Schwierigkeiten, zunächst mit ihren Eltern, dann damit, sich etwas Eigenes aufzubauen, in ihrer Lebenswelt Erfüllung zu fühlen.

Als dritte Ebene addiert sich das Filmmaterial, das Melanie herstellt, Gesprächssituationen mit Vater und Bruder, alte Fotos und Dokumente durchschauend. Immer wieder werden diese persönlichen, der Familie gehörenden Bilder dann durch zeithistorische Dokumente ergänzt, die einen Art Rahmen bauen, in dem die Geschichte eingebettet und sozial relevant werden kann. Diese Filmausschnitte verhandeln das Thema Geschlechtergerechtigkeit von den 50ern bis in die 90er, den Kampf, den Frauen dafür leisteten, die politischen Entwicklungen, die es gab, sowie dagegen fast kriegerisch angehende rückständige Behauptungen (von vor allem CDU-Politikern) darüber, dass die Rolle der Frau nach wie vor besser in der Familie zu finden sei, sein müsste. Immer wieder sind diese sowie auch andere Sequenzen zudem mit fast Horror-Soundtrack anmutender Musik unterlegt, die definitiv Spannung suggerieren soll und ein Feindbild eindeutig ausmacht. Die Regisseurin reflektiert die Musikauswahl im Gespräch sehr gut mit der komplexen Frage: wie viele solcher ästhetischen Mittel kann man sich leisten, bei einem autobiographischen oder jeglichem dokumentarischen Stoff? Ich denke: wir können uns schon alles leisten, wir entscheiden uns nur mit jeder Wahl für eine Wirkweise und sollten damit verantwortungsvoll umgehen. Die Musik könnte suggerieren, dass dem Stoff selber nicht genug vertraut wird. Zugleich ist Musik eines der wirkungsvollsten Mittel im Film, auf die wir nachvollziehbar kaum verzichten wollen. Letztendlich entscheidet es jede Zuschauende für sich selber und, wie mir im Anschluss an diesen Festivaltag nochmal schmerzlich klar wird: wir sehen sowieso nie alle denselben Film.

Melanie wird nachher im Gespräch zugeben, dass diese letzte Ebene des Zeithistorischen von der Redaktion gewünscht wurde und sie zunächst nicht davon begeistert war, verständlicherweise, weil oftmals das Sehnen nach gesellschaftspolitischen Bezügen eigenständige Geschichten verwässert, nach dem Wühlen in den Archiven des wdr jedoch froh um die zeitgeschichtliche Einbettung ist. Sie sagt, es entstünden dadurch drei inhaltliche (nebst der formalen) Ebenen, auf der die Geschichte sich entwickelt: das persönliche, das Gesellschaftliche, und dann auch das Politische, Rechtsfragen und Gesetze, die eben große Einwirkung auf die Vorigen haben und andersherum. Es schließt sich ein notwendiger Kreis. Ich denke: Das Private ist Politisch, und finde, dieser Film unterstreicht diesen Gedanken auf gelungene Art und Weise.

Wieso? Weil sich aus Gabis Entwicklung von zunächst noch hoffnungsvoll, die elterlichen rückständischen Ideale überkommen wollend, exemplarisch ablesen lässt, dass es nicht für alle Frauen eine endgültige Zufriedenheit sozusagen „hinter dem Herd“ zu finden geben wird. Eine Aussage Gabis aus ihren Tagebüchern durchzieht den Film wie ein roter Faden, eindringlicher und schmerzhafter mit jedem Jahr, von „Ich will mein Eigenes finden“ zu „Ich habe es nicht geschafft“, gefolgt von einem Aufgeben, das durch ihre Krebserkrankung fast wie eine symptomatische Verkörperung des Aufgebens begleitet wird (was Gabi selber, Louise Hay zitierend, behauptet).

Jedoch ist Gabi restriktiv eingeengt in ihrer Entscheidungsgewalt über ihr Leben, weil sie zum einen aus einem vorgefärbten Elternhaus kommt, zum anderen ihre dadurch gefestigten psychischen Muster nicht aufgeben kann, zum dritten diese Färbungen eben sozial und politisch bedingt sind. Es ist nachweisbar, dass psychische Grundkonstitutionen sich nur langsam durch und mit den politischen Emanzipationsmomenten ändern können. Ein freigelassenes Tier, das sein Leben lang in einem Käfig lebte, weiß nicht, wie es frei sein soll, es kann Freiheit nicht verstehen. Genau so können wir uns nur selten in Richtungen bewegen, die für uns das Richtige sein könnten, wenn diese Wege uns nicht vorab als Möglichkeit eröffnet wurden. Wer nicht schon als Kind von Familie, von der ihn umgebenden Gesellschaft und von den großen Stimmen seiner Zeit hört, was es alles mit seiner Zukunft anfangen kann, wird nur sehr schwerlich darauf kommen. Es müsste schon aus der Komfortzone getreten werden, und getreten hat Gabi niemand.
Das ist das Gesellschaftspolitische im Privaten: die tragische Geschichte Gabis, ihr Leben im Falschen, in der ihr die Grundvoraussetzungen fehlen, um ein Richtig Für Sich zu finden. So sagt sie, berührend und besser, als ich sie beschreiben kann: „Ich habe natürlich jede Entscheidung schon bewusst gewählt. Aber ich werde stets durch unsichtbare Fäden gezogen. Ich habe das Gehen verlernt.“ Nur: Konnte sie jemals wirklich gehen, frage ich mich? Sie erkennt sogar selber um ihr Marionetten-Dasein, um den desperaten Wunsch, etwas anderes, etwas mehr für sich zu entdecken. Entgegen der Behauptung mancher, Erkenntnis sei der erste Schritt zur Besserung, liegt es aber nicht an Gabi, diesen Schritt zu machen. Der erste Schritt zur Besserung ist eine Politik, die es zu einer Normalität macht, dass Frauen wie Männer arbeiten, sich frei entfalten können und Ehe/Familie nur eines von vielen, vielen Modellen ist, wie wir ein wertvolles Leben für uns aufbauen können.

Der Vater derweil wird all Gabis Streben abtun als „Sie war einfach nie zufrieden.“ Weil sie ihre Hobbies wie das Puppenbauen nicht zufrieden stellten. Weil es sie offenbar stresste, keinen Freiraum innerhalb der Bedürfnisse des Familienlebens für sich zu finden. Dabei sehen wir sie aus einer gewissen Co-Abhängigkeit und Prägung bereits vom Jugendalter an ihre eigene Selbstverwirklichung in der Ehe mit ihrem Mann und im Kinderkriegen sublimieren. Was es nahezu nachvollziehbar machen muss, dass ihr Mann es auch nicht besser weiß. Im starken Gegensatz zu den Walchensee Frauen von der Filmvorführung gestern, denen ich ein fast schon zu Viel an Persönlichkeit attestierte (im besten Sinne), schafft sie es nicht sich ein Genug an Identität, an eigener Persönlichkeit aufzubauen, bleibt ein Schemen, ein Schatten in den Home Videos des Vaters.

Und dennoch bleibt die Konsequenz, für Gabi, wie für Frauke in „Walchensee Forever“ leider irgendwie eine ganz ähnliche: keinen Ort auf dieser Welt für sich zu wissen. Dadurch, wie „Bilder (m)einer Mutter“ dramaturgisch aufgebaut ist, sieht es so aus, als habe sich Gabi auf eine unterbewusste Art den Krebs ausgesucht. Er ermöglicht ihr sowohl innerhalb der Familie sich abzugrenzen als auch später dann fernab der Familie in einer Klinik im Grünen zu sein, mit sich alleine. Hier wird sie dann vollends zum Schatten für die Familie. Dieses Narrativ ist natürlich inszenatorisch gewollt und auch ihre Tagebuchauszüge sind sicherlich mit größter Sorgfalt gewählt, aus vielleicht einem Konvolut an eher arbiträren Selbstaussagen, wobei das als Außenstehende nur eine These bleiben kann.

„Es gibt immer eine Person in der Familie, die die Dinge aufräumen muss.“, sagt Melanie Lischker später im Gespräch dazu und empfindet sich wie von ihrem Vater dazu bestimmt, diese Person zu sein. Beachtlich ist dabei, dass sie sich selbst extrem zurückhält aus der Erzählung, im Gegensatz zu Janna Ji Wonders, die zwar den Fokus auch stark auf die Mutter rückt, dennoch aber bereits im allerersten Bild als Kind zu sehen ist, das auch mal die Mutter filmen will, die also mehr Präsenz einnimmt. Janna bettet sich selbst als Teil der Generationengeschichte mit ein. Für Lischker geht es gar nicht um sie selbst, es ist weitaus weniger „persönlich“ durch den zeithistorischen Bezug, durch die feministischen Unterströmungen: deshalb auch das (m) von „meiner Mutter“ im Titel nur in Klammern. Die Suggestion: das hier könnte die Mutter sehr vieler Deutscher dieser Generation sein. Genau diesen Eindruck vermitteln auch die Home Video Aufnahmen des Vaters: sie sind exemplarisch, prototypisch für einen gewissen gut-bürgerlichen Familienhaushalt, besonders die Weihnachtsszenen, die vor allem von den (achtung: Sarkasmus!) ja so „technik-affinen“ Männern gedreht wurden. 
Die Auswahl des Mediums Film und das Ausstellen der Tatsache, dass immer wieder Männer diese Familienarchivare werden, sowie dann Melanies eigener Griff zur Kamera mit 12, was ganz schnell das Filmen ihres Vaters beendete, markiert auf einer weiteren Metaebene den feministischen Grundkern des Films. Ähnlich wie Janna Ji Wonders (und allerdings schon vor ihr die Mutter Anna) greift schließlich endlich die Frau zur Kamera und beginnt zu dokumentieren, zu rekonstruieren, und damit sich das eigene Narrativ und die eigene Identität aufzubauen. Wenn auch Melanie Lischker sich nicht groß selbst in Szene setzt (sie beschreibt die Montagearbeit als Distanzierungsprozess und will keinen offene-Wunden-Film gemacht haben), so stellt sie doch absolut einen eigenen Bezug und eine eigene Beziehung zu ihrer Mutter Gabi über die Montage des Films her. Immer wieder hören wir sie ankämpfen gegen Aussagen des Vaters und des Bruders über die Mutter, hören in ihrer Stimme, dass sie eine eigene Beziehung zur Mutter sucht, die nicht durch deren Narrativ geprägt ist, die ein Konglomerat vieler Bezugspunkte sein kann, wie eben auch der zeithistorischen Dokumente. „Bilder (m)einer Mutter“ ist das bedächtige Testament dieser Bemühung.