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Festival Panel

Beim Panel „Streaming ohne Ende- die Rolle der Filmfestivals nach Corona“ unterhalten sich Dunja Bialas, Mitbegründerin, Leiterin und Kuratorin vom kleinen aber feinen UNDERDOX Festival München und Intendant und künstlerischer Leiter der DOK Leipzig Christoph Terhechte über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Online-Streams als Form, Ersatz oder Zusatz von Filmfestivals. Dieser umständliche Satz beschreibt bereits formal die Komplexität des Themas, bei dem viele Für und Wider zu Wort kommen. Bialas wollte -und konnte, vor allem- UNDERDOX vollständig in Person stattfinden lassen, sowohl letztes als auch dieses Jahr, trotz Corona, zeitlich gerade abgepasst. Wichtig, denn für sie gibt es bei ihrem Festival absolut keine Online-Ersatzmöglichkeit; es lebt und atmet durch und mit München und seinen Teilnehmenden.

Während die dokka letztes Jahr komplett online stattfand und dieses Jahr hybrid fortfährt, mit einem gleichzeitig möglichen Streaming des Filmes, hatte die DOK letztes Jahr zwar ein ähnliches hybrides Programm mit Streamings jeweils einen Tag nach den Premieren, dieses Jahr jedoch wird der Online-Teil erst NACH dem Festival stattfinden, zeitlich abgegrenzt, aus organisatorischen Gründen. Terhechte gibt offen zu, dass es nächstes Jahr wiederum etwas anderes sein könnte – sie seien alle noch am Erproben, was funktioniert und was nicht. Keine Frage: obgleich die digitalen Medien, mit denen die Online-Festivals stattfinden, an sich nichts neues sind – VoD Plattformen, Online Libraries und skype gibt es schon lange, so ist durch Corona doch ein ganz neuer Zwang entstanden, der durchaus über das letzte Jahrzehnt im Vorbereiten war- man spricht nicht umsonst vom Kinosterben. Gleichzeitig berührend für mich zuhören: anscheinend verkaufen sich gerade wieder MEHR Tickets als vor der Pandemie. Die Cinephilie könnte vielleicht doch eben durch den kompletten Ausfall des cineastischen Erlebens wieder zugenommen haben. Es bleibt erst einmal Hoffnung.

Bialas beschreibt UNDERDOX – und sicherlich alle Arten gerade kleinerer, persönlicher Festivals- als Erlebnisraum, der von der Unmittelbarkeit seiner Teilnehmenden lebt. Was sie als vielleicht platt klingend abtut, finde ich gar nicht platt. Genau das waren Filmfestivals für mich auch immer, eine leibliche Co-Präsenz wie im Theater, und eine starke lokale Verankerung, die Filme fügten sich stets zu einem Stadtbild, zu einer Stadtkarte der Kinos, zu denen ich lief, die Erlebnisse sind undenkbar in derselben Form emotional ohne die Filmemachenden Gespräche danach. Ein Beispiel dazu sei nur erwähnt: bei der DOK Leipzig 2015 sprach nach der Vorführung von „Shoulder the lion“ der Regisseur noch persönlich mit mir und bestärkte mich so darin, den Filmemach-Traum nicht aufzugeben. Seine persönliche Begeisterung und Emotion waren derart in der Luft fühlbar, dass es Hoffnung machte, wo allzu oft die Hoffnung fehlt. Ebenso erging es mir im Gespräch mit anderen Filmemacher*innen bei anderen Festivals. Das alleine ist ein offensichtlicher Grund, warum Festivals in Präsenz stattfinden müssen. Die Erkenntnisebene ist eine andere, wenn du den Machenden Fragen stellen kannst: es hat sich auch hier beim dokKa immer wieder bewährt, dass ich nach den Gesprächen weiser rausging als zuvor, und vieles in einen anderen, besseren Zusammenhang bringen konnte, auch für meine Texte. Festivals sind eine Kulturtechnik, deren physisches Erleben nicht mit digitalen Bibliotheken ersetzbar sind, und auch nicht – zumindest nicht durchgehend – mit Zoom.

Um auch einem Andererseits Raum zu geben, verwies Terhechte doch darauf, dass ein Vorteil des Online-Angebots der offensichtlich geringere Co2 Ausstoß sei. Tatsächlich wird für Filmfestivals inzwischen dermaßen gejetsettet, heute hier, morgen dort, von Südamerika nach Leipzig nach Südafrika in den Balkan, ein Lifestyle, der – das ist uns allen inzwischen klar – teuer zu bezahlen ist und reduziert werden muss. Da ist es schon hilfreich, wenn es für Teilnehmende, die vielleicht nicht dringend vor Ort sein müssen, möglich ist, digital teilzunehmen.

Eine andere für mich wirklich erwähnenswerte Tatsache ist die, dass unglaublich viele Filme in den Untiefen der Festivals versinken, sie werden ein paar Mal aufgeführt, und ohne Verleih, ohne DVD gibt es dann oftmals nie mehr die Möglichkeit, sie zu sichten. Auch hier habe ich sofort ein griffbereites Beispiel: eine meiner absoluten lieblingsfilme und Underground-Entdeckungen war „Daddy’s Girl“ von Melisa Üneri auf der DOK Leipzig. Um diesen wiedersehen und eine Hausarbeit darüber schreiben zu können, musste ich die Regisseurin selber anschreiben. Heute ist der vimeo Link nicht mehr gültig und eine DVD gibt es nicht. Online Angebote können dagegen jederzeit genutzt und besser in den jeweiligen Alltag integriert werden als feststehende Uhrzeiten von Filmen bei Festivals.

Dieser Zufallscharakter hat nach Terhechte jedoch auch Vorteile, wie das Entdecken von Filmen, die man sonst nicht gesehen hätte. Was ich durchaus bestätigen kann und eine ganze Reihe Filme aufzählen, die ich nur dadurch gesehen habe, dass ich eben zu einer bestimmten Zeit irgendeinen Film auswählen musste. Es ist aber tatsächlich jammerschade, dass so unendlich viele Filme nur kurz auf Festivals aufleben und erlebt werden können, was nichts mit ihrer Qualität zu tun hat, sondern mit ganz einfach der Übersättigung der Filmindustrie, den Bedingungen eines Zeitalters der Übersättigung. 
Wieder Andererseits: die Ereignishaftigkeit, die Erinnerung an das Kinoerlebnis wird dadurch natürlich verstärkt und in Wirklichkeit haben wir alle nur begrenzt Zeit. Es spräche auch etwas dafür, manche Filme im Kino und Archiv seiner Erinnerung zu lassen. Besonders bei Filmen, die wie Bialas zutreffend sagt, wirklich nur für die Kinoleinwand gemacht sind. Tatsächlich sind manche Filme in dem Sinne ausschließlich cineastisch, dass sie auf einem kleineren Screen und bei anderen Lichtverhältnissen und Umgebungsverhältnissen unmöglich auf dieselbe Art rezipiert werden können. Ich fühle mich höchstpersönlich vorgeführt, als Bialas sagt, sie wolle nicht wissen wie viele „Roma“ auf netflix wieder ausgemacht hätten – denn ich bin genau eine von diesen. Es können sich jedoch nicht alle Festivals das große Hybride Angebot, das, so Terhechte, auch einen großen Marketing-Mehrwert hat, leisten, da scheitert es auch an den ökonomischen Bedingungen und an den filmpolitischen Verhältnissen bezüglich beispielsweise der Premieren-Notwendigkeit, die viele Filmfestivals haben und der Tatsache, dass gestreamte Filme ihren Premiere-Status verlieren.

Abschließend bleibt abzuwarten, wie genau sich ein zusätzliches Streaming-Angebot von Festivals entwickeln wird, eines aber ist ohne Frage klar: Festivals, die über einen kurzen Zeitraum verdichtete und in leiblicher Co-präsenz ausgetragene pure Cinephilie, müssen erhalten bleiben und mit aller Macht geschützt werden. Das kann ich, nachdem ich die dokKA sowohl online letztes Jahr, als auch dann dieses Jahr in Person besucht habe, mit großer Sicherheit sagen. Es sind zwei grundverschiedene Dinge, Filme zuhause, in der comfort zone der vier Wände, und Filme im Kino, mit Unbekannten, die im gemeinsamen Seherlebnis zu Verbündeten werden, zu schauen, und das muss so beim Namen genannt werden.