Das Mädchen das vom Himmel fiel: Über Programmatisches Hören und Szenisches Aufbereiten

Illustrierende Geräusche, Blitzen und Donnern, Zerbrechen des Flugzeuges, Regenwald-Geräusche, und Vogelgesänge von Kassetten der Eltern Juliane Koepckes – sie machen das Hörstück einer Geschichte, die wir schon aus Film, Buch oder Presse kennen könnten, erst zum Kino-Hörerlebnis. Eine ihrer Brille beraubte Juliane findet anhand der Geräusche des Regenwaldes, den Wassertropfen, deren Lauf sie folgen kann, den Weg und überlebt so. Inhalt und Form bündeln sich in diesem Moment. Ich erinnere mich daran, wie mein Vater mir erklärte, dass es beim Verirren hilft, einem Wasserlauf zu folgen, genau wie Julianes Vater. Die Erinnerung berührt und verbindet mich mit der überwältigenden Erfahrung des Mädchens, das vom Himmel fiel.

- Gwen

 

Während des szenischen Einstiegs notiere ich mir gleich zu Beginn der 53 Minuten, dass ich hierfür gerne im Kino gewesen wäre. Ich habe noch nie etwas von Juliane Koepcke gehört und erlebe eine Abenteuergeschichte mit Anklängen von Stephen King, erzählt von der Protagonistin selbst. Wenn am Ende erzählt wird, dass Koepcke über ihre Geschichte ein Buch geschrieben hat, macht alles Sinn: Ihre gefestigte Stimme während sie ihre eigene Geschichte erzählt, das detaillierte Tagebuch, die dramaturgische Klarheit. Von Abgeklärtheit trotzdem keine Spur. Wer sich noch fragt, wieso auf der Dokka Hörfeatures im Kino laufen, kann sich hier auf eine Antwort freuen.

- AC

 

Auch ich war begeistert von der dramaturgischen Brillanz des Stückes: dass es zum Beispiel immer an den spannungsreichsten Momenten der Erzählung des damaligen Ereignisses Halt macht und in die Gegenwart zurückführt, zu Juliane oder anderen Protagonisten in der Jetztzeit, wie sie zurückkehrt in den Regenwald, in dem sie lebenslänglich als Ornithologin arbeitet, trotz oder wegen des Traumas. Ich will dringend wissen, wie es weitergeht. Interessanterweise sagt mir nachher ein Zuhörer, der die Geschichte bereits vom Werner Herzog- und vom Hollywood-Film und von Koepckes Buch kennt, jedoch, dass es ihm keinen Mehrwert gegeben habe. Gilt die Begeisterung darüber also nur denen, die nicht schon Julianes Geschichte kennen?

- Gwen

 

Eine relevante Frage: warum eine Geschichte als Hörfeature aufleben lassen, die bereits vor Dekaden in Buch und Film umgesetzt wurde? Konsequente Gretchenfrage: Landen wir hier wieder bei der alten Vermutung, dass die beste Verarbeitung die ist, die am meisten Sinne nutzt? Hören trumpft Lesen, und Film trumpft sie alle? Ich kann mir vorstellen, dass der Mehrwert geringer wird, wenn nach Film und Buch das Hörstück die Geschichte nicht komplett neu aufrollt. Bei „Das Mädchen, das vom Himmel fiel“, bin ich mir aber nicht sicher, ob ich mich statt für den Film nicht wieder für Hörstück entscheiden würde.

- AC

 

Es gibt für mich viele Gründe, die für ein Hörstück sprechen, unter anderem die Erkenntnis, dass ich mich gerne draußen in der Natur aufhalte, und mit einem Hörstück in den Ohren gleichzeitig spazieren oder auch Essen kochen kann. Julianes animalischer Überlebensinstinkt im Urwald, der mich daran erinnert, dass wir Menschen in den Worten des Anthropologen Arnold Gehlen Mängelwesen sind, führt mir auch wieder diese Entfremdung von der Natur und unseren Körpern vor, die wir in der (westlichen) Welt erleben. Ein Thema, dem sich die ganze diesjährige dokKa widmet. Ich mag die Möglichkeit, dass ich beim Hören zumindest auch meinen Körper zum Einsatz bringen kann, während sich stundenlanges Festival-Sitzen im Kino gar nicht im selben Maße gesund anfühlt.

- Gwen

 

Eine spannende Wendung in diesem dialogischen Schreibverlauf: Ich wünsche mich ins Kino, Gwen wünscht sich raus. Tatsächlich ist das Hörstück für mich unabhängig vom Abspielort ein Format, das mir den Spiegel vorhält. Hier tut sich direkt der nächste Wendepunkt auf: Statt mich Lacansch‘ vermeidlich im Abbild einer Protagonistin selbst wiederzuerkennen, führt das Hörformat meine Aufmerksamkeit gar nicht erst von mir weg. Ich stelle mir vor, wie ich bei einer gemeinsamen Hörveranstaltung im dunklen Kino - einem ‚Public Hearing‘, wenn man so will - diese Selbsterfahrung mit einer Gruppe teile, und freue mich darauf, dieser Erfahrung bei der nächsten Dokka nachzuholen.

- AC