5. Blogeintrag 2020

05.10.20

 

Was für ein verschwurbelter Tag. Ich habe beide Filme des heutigen Tages in zwei Sitzungen gesehen, eben erst beide zu ende sehen können, wegen anderweitiger Termine; und nun ist es fast drei Uhr nachts. Erstaunlich wie selbst bei einem Online-Festival-Format meine Tage zu Nächten werden wie früher bei den vor Ort stattfindenden Festivals auch immer unwillkürlich passierte  (und nicht wegen Parties, die ich weniger besuchte, sondern einfache späte Vorstellungen und lange Reisen durch Stadtlandschaften, öffentlicher Nahverkehr, der sich durch die gelben Laternenlichterflecken der Straßen züngelt.

 

Die rote Linie – Widerstand im Hambacher Forst

Nachdem ich die letzten Nächte immer bis etwa 2 Uhr nachts geschrieben habe, schlief ich heute erst einmal länger aus als geplant und begann den Tag gegen Mittag dann wieder gleich mit einem Film, „Die rote Linie“ über den Widerstand im Hambacher Forst von Karin de Miguel Wessendorf. Hambacher Forst ist natürlich ein zündendes Wort im deutschen Sprachraum, man weiß wenn man nur halbwegs politisch ist sofort worum es gehen wird; es war ja lange genug prominent in den Nachrichten vor ein paar Jahren. Gestern sagten meine Dichterinnen-Freundinnen als ich ihn vorschlug „bloß nix politisches!“, woraufhin ich ihn nun also heute schaue.

Es geht wieder um Widerstand. Man kann wahrlich sagen, dass sich das dokKa Team sehr ordentliche Gedanken um zusammenpassende Filme nach einer gewissen Linie gemacht hat. Mehr als ich das zuvor bei anderen Festivals erlebt habe, wohl auch, weil die Auswahl viel konzentrierter, bedachter ist. Also: viele Filme, die von einer Form von Widerstand erzählen, in so vielen Arten und Weisen. In diesem Film wiederum sind alleine schon mehrere Formen von Widerstand sichtbar und werden in einer Langzeitdokumentation über mehrere Jahre verfolgt:

Einmal die Aktivisten, die in den Baumhäusern im Hambacher Forst ihre eigene Stadt gegründet haben, „Oaktown“, wie der junge Baumbesetzer Clumsy. Die Mitglieder einer Bürgerinitiative rund um eine gläubige Christin, die sich politisch engagiert, über den Weg der Politik versucht den Hambacher Forst zu retten. Des Weiteren gibt es den Naturpädagogen Michael Zober, der zuerst Waldspaziergänge anbietet und nach und nach immer mehr selber zum Aktivisten wird. Er erklärt, dass der Hambacher Forst eine einzigartige Sorte Wald ist, der letzte seiner Art in Europa, ein Maiglöckchen-Stieleichen-Hainbuchen Wald; diese Mischung also macht seine Einzigartigkeit aus.

Aber auch ein Mann, Lars Zimmer, mit seiner Familie ist dabei, der einfach noch das Dorf, Immenrath, bewohnt, das RWE nach und nach abbaut und zerstört, weil dort mehr Gelände zum Braunkohleabbau geschaffen werden soll. Wieder auch das Thema des Dorfsterbens, durch den Landaufkauf von Großbetrieben. Der Widerstand eines Lars Zimmers sieht anders aus, er zieht halt einfach nicht weg; es ist ein passives Dableiben, wie ein langer Sitzstreik, der dadurch wiederum etwas sehr Aktives bekommt; und es geht wieder um Heimat. Das ist weniger ein politisches Argument und kann man kaum gegen an-argumentieren: wie kann man Menschen ihren Erdboden, ihren Heimatboden nehmen, frage ich mich. In der eindrücklichsten Szene des Films sehen wir zu, wie die eindrucksvolle Kirche von Immenrath mit Bagger und Bulldozer zerstört wird, auseinandergerissen, Stück für Stück. Die Freundin von Lars weint und entschuldigt sich dafür, sagt, dass das was da passiert auch ihr Familienleben negativ beeinflusst. Ich ärgere mich, dass sie überhaupt das Gefühl hat, sich entschuldigen zu müssen. Da müssten sich aber mal andere entschuldigen.

Dramaturgisch hangelt sich de Miguel an der roten Linie entlang: Zivilgehorsam entlang der roten Linie. Diese taucht im Film immer wieder auf, als die Aktivisten in rot gekleidet sind, wie sie schon beim Pariser Abkommen gekleidet waren.

In einer Szene sieht man einen Polizisten gewaltsam gegen einen Aktivisten an dieser Linie werden, scheinbar einfach, weil dieser nicht gehorchen will. Es macht mir Angst, in der heutigen Zeit, involviert in die Debatte der Polizeigewalt in den USA, in Zusammenhang mit einem anderen Film zum Thema, den ich sehen durfte, über die Polizeigewalt während den Protesten zum G8 Gipfel in Hamburg, wird mir wieder bewusst, wie skurril ich es finde, dass Polizei als Machthaber und Rechthaber einfach akzeptiert werden in unserer angeblichen Demokratie. Ich weiß genau, welche Menschen aus meiner ehemaligen Stufe Polizisten geworden sind. Da waren Mobber dabei, da waren vor allem Menschen dabei, die Kontrollzwänge hatten, bei denen psychisch sicherlich auch nicht alles im Reinen war. Und das sehe ich vielen Gesichtern an, auch wenn es nur die Augen sind; dass sie sauer werden, wenn ihnen nicht gehorcht wird. Weil Polizisten ja lernen, dass ihnen gehorcht werden muss. Ich stehe dem Ganzen sehr skeptisch gegenüber, vor allem dieses Jahr, mit allem, was sich sozial und politisch bewegt, und dieser Film schließt sich da nahtlos an.

Ohnmachtserfahrung macht Menschen aggressiv“, sagt einer der Demonstranten irgendwann zu einem Polizisten, der meint, ein Aktivist habe ihm ein Knie gebrochen. Ja, das gilt natürlich für beide Seiten. Ein Ohnmachtsgefühl habe ich die letzten Tage bei vieler der Beiträge allerdings auch gehabt

 

Die Kinder von Station 19 – Auf der Suche nach den Opfern einer Verwahrpsychatrie

Zur crossfit session auf meiner gelben Matte und einer anschließenden Beauty Maske höre ich die obige Hördokumentation. Und, ja, es ist wieder eine surreale Verbindung von Situation, Handlung und Tat zum Thema des Hörstücks. Aber selfcare ist wichtig, gerade wenn die Thematiken so ernst und hart sind wie die von dokKa, wird mir bewusst. Denn ich bin schon ganz dünnhäutig und zutiefst getroffen. Nun auch wieder, bei diesem Gewinnerstück von Marie von Kuck.

Die Autorin von Kuck recherchiert einen Fall, an dem sie aus ihrer eigenen Vergangenheit heraus involviert ist. 1990 war sie als Hilfskraft in der Psychatrie Altscherbitz und sah dort einmal in der Station 19 einen Anblick, der sie nie wieder los ließ: hier waren behinderte Kinder angebunden an Betten, wurden isoliert und vernachlässigt. 2015 beginnt sie, noch immer traumatisiert von dieser Erinnerung, die ehemaligen Patient*innen zu suchen. Seit dem Ende der DDR ist die Klinik Altscherbitz in andere Hände gekommen und sie trifft vor allem auf Schweigen, kaum jemand möchte ihr Auskunft geben. Nach und nach kann sie aber mit verschiedenen Menschen sprechen, einer ehemaligen Pflegerin, Mütter von Kindern… Die Geschichten, die sie dabei aufdeckt, rangieren von aufrührend über berührend zu schmerzhaft. Von Falco, dem Sohn eines Alkoholikerpaares, der gewalttätig und aggressiv ist und manchmal das Haus niederschreit, zur Komapatientin, die von Kuck in einem Rehabilitationscenter wiederfindet, wo sie inzwischen sogar mit etwas Hilfe aus dem Rollstuhl aufstehen und zu einem Musikstück für ihren Geburtstag tanzt.

Der Hintergrund der Existenz von Station 19 ist vor allem dieser: ein Umgang mit Behinderung bereits im Kindesalter, der von Überforderung markiert ist, von einer Stigmatisierung des menschlichen Lebewesens als unheilbar und unnütz für die Gesellschaft. In der DDR-Mentalität konntest du arbeiten - oder du warst kein Mensch, sagt jemand zu Marie von Kuck.

Ich muss dabei immer wieder an „Wahnsinn und Gesellschaft“ von Michel Foucault denken, das ich gerade lese. Darin beschreibt Foucault Wahnsinn unter anderem als „die Abwesenheit von Arbeit“ bei einem Menschen. Es gibt viele Verbindungslinien zwischen dem Werk und dieser Dokumentation in der Art wie Psychiatrie und Psychopharmaka analysiert werden (und wieder ein großes Interessensgebiet von mir, das thematisiert wird). Was definieren wir als Norm und wie hat man sich zu verhalten, damit man „passt“, „funktioniert“ bzw. vor allem abweicht, auffällt? Wenn ein Kind nicht leise sein will, sich von seinen Fesseln frei macht oder wütend wird, werden sie mit Medikamenten vollgestopft, fixiert oder in einen Isolationsraum gebracht, wie man nur im Gefängnis von gehört hat. Da überrascht es nicht, dass Falco, in dem Heim, in das er nach der Schließung der Station 19 gebracht wurde, noch immer aggressiv wird oder die ganze Nacht durch schreit.

Ich bin nach dem Hören des Stücks auch ähnlich erschlagen, wie ich nach einem Kapitel Foucault bin. Unsere Gesellschaft ist früher, aber eben auch immer noch, sehr unvorbereitet darauf mit Menschen umzugehen, die nicht ganz in ein normatives Raster passen, die sich außerhalb unserer Definition des „Funktionierens“ bewegen. Aber „Die Kinder von Station 19“ beweist, dass diese Menschen, diese Kinder, deshalb durchaus nicht von einem Leben mit Freuden ausgeschlossen sind, von Kuck beschreibt mehrere Situationen mit ihnen, als sie schließlich einige treffen kann, die dies beweisen.

 

Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist

Zusammen mit ein paar englischsprachigen Freunden, Anna und Harry, denen ich sonst jeden Montag Deutschlektionen gebe, gucke ich den Dokumentarfilm von Sabine Herpich, der gestern den Preis der Stadt Karlsruhe abräumte. Ich wählte ihn für meine englischen Freunde aus, da er der einzige ist, der englische Untertitel hat. Dass das Deutsch der Menschen darin ein wenig eigenwillig ist, das hatte ich natürlich nicht bedacht. Wir haben natürlich dennoch viel Freude. Überhaupt wird gar nicht viel geredet. Es geht vielmehr um die Wirkmacht der Bilder.

In einer Spandauer Kunstwerkstatt für Menschen mit Behinderung malen und basteln großartige Künstler*innen an Werken, die so eigen, so von witzig bis intrikat bis bestechend sind, dass sie mich wieder enervieren und das zuvor gehörte - zum ähnlichen Thema, die beiden Beiträge passen wieder gut zusammen - zumindest etwas entschädigen. Hier sehen wir, wie es auch gehen kann. Der Film widersteht dem Versuch, die Bilder zu interpretieren, widersteht dramatisierender Musik oder emotionalisierenden Interviews. Mit großer Getragenheit, Geduld und Freude an Details wird der Alltag in der Kunstwerkstatt erzählt. Sehr, sehr viel Raum wird den Kunstwerken selber gewidmet, dass man fast von einem Museumsfilm sprechen könnte. Herpich zeigt die vollen Kunstwerke und will, dass diese in Gänze auf der Großen Leinwand zu sehen sind (die ich ja nun leider nicht zuhause habe, bei diesem Online Festival), aber ich kann auch von der Kleinen Leinwand sehen, dass diese Leinwände beeindruckend sind.

Suzy van Zehlendorf malt detailgetreu Bilder wie die Mona Lisa oder den Schrei von Munch nach, nur mit einem Hahnenkopf statt den Originalköpfen. Je mehr von den Bildern man sieht, desto mehr muss man lachen, desto mehr spürt man einen originellen, eigenen Humor durchscheinen. Dann ist da Adolf, der sein ganzes Leben auf einer Psychiatrie verbracht hat, bereits in der Nazizeit der Euthanasie entkam und zu dessen früherem Leben nichts bekannt ist. Er hat inzwischen einen Kunstpreis für Menschen mit Behinderungen gewonnen, ist also der „Star“ der Werkstatt und macht aufwendige Malereien, in die er Holzblöcke mit einbezieht, sodass die Werke dreidimensional werden.

In einer der eindrücklichsten Szenen des Films weint er einmal, ganz schön lange, und das anscheinend schon zum dritten Mal an dem Tag. Eine Betreuerin sitzt dabei, fragt ab und zu nach, aber ist ansonsten einfach da, Beistand. Schließlich beruhigt er sich und fängt einfach wieder an zu zeichen. „Back to work“, sagt Harry ganz „matter-of-factly“, nüchtern, dazu, wir verstehen das beide, wir sind beide auch künstlerische Naturen. Wir saßen auch schon weinend neben dem, was wir schaffen wollten, dem Musikstück oder dem Gedicht, haben den Schmerz herausgelassen, und uns dann ganz diszipliniert wieder an die Arbeit gemacht. Ich kann Adolf natürlich nicht wirklich verstehen, was wirklich in ihm vorgeht oder er erlebt hat, aber ich habe einen eindeutigen Bezug zu diesem kleinen Moment, den alleine in sich fühle ich komplett nach.

Adolf redet anscheinend fast gar nicht, und versinkt sehr in seiner Kunst. Bei der Ausstellung der Werke in einer Galerie freut er sich allerdings sichtlich. Und beim Arbeiten ist eine stille Aufregung, ein totales Aufgehen darin zu Erkennen. Ich erkenne diesen Blick, diese Art von Konzentration, es ist die, die mich auch überkommt, wenn ich in einen Flow beim Schreiben komme, und ich sehe es auch bei meiner malenden Mitbewohnerin und anderen künstlerisch-kreativen Menschen. Da trennt uns gar nichts, in diesem Moment; wir sind alle ganz nah an der Sache dran, an diesem Stoff, mit dem wir hantieren, ob das nun Farbe, Pigment, Stift oder Holz ist, dem wir unser Weltempfinden, unsere Gedanken, unseren Sinneseindruck aufdrücken.

Das ist wirklich ein Dokumentarfilm in seiner rohesten, ursprünglichsten Form denke ich mir, er dokumentiert objektiv, nah und doch nicht manipulativ, genau den Ablauf eines Ortes, die Handlungen und das Dasein von Menschen. Die Empathie, mit der Herpich an die Situation heranging, wird auch in dem Interview mit ihr mit dem dokKa spürbar. Der Film ist einfach, er braucht nicht viel mehr. Denn er dokumentiert ja schon ganz schön herausragende Kunst, dem muss er nichts aufpropfen. „Kunst wirkt entgiftend“ heißt es im Untertitel, und dem kann ich nur 100% zustimmen, denn so fühle ich mich nach mittlerweile sechs Tagen mit dokKa Kunstschätzen auch: entgiftet, auch erledigt, im besten Sinne, wie nach einer Fastenkur, aber auch voller Energie, die ganzen neuen Eindrücke und Informationen. „Kunst kann man nicht umarmen“ heißt es auch. Das mag sicherlich auch stimmen, aber eine geistige Umarmung habe ich trotzdem für all das, alle diese Werke, noch übrig, heute Nacht, ich umarme also aus der Ferne, eine digitale Umarmung an all die tollen Arbeiten, die ich genießen (und auch erleiden, aber im besten Sinne) durfte, und begebe mich in den Schlaf.

 

Gwendolen van der Linde