Man muss nicht immer auf sein Herz hören und lebt trotzdem weiter

Lara und Vital studieren Literarisches Schreiben an der Uni Hildesheim und sind zum dokKa-Festival nach Karlsruhe gefahren. An Tag Nummer Vier versuchen sie die Erschöpfung zu ignorieren.

 

Vierter Festival Tag

02.06.2018 - Und: Herzen gibt es im Herbst nicht. Heißt es bei Michael Lissek, der seine Erlebnisse und Beobachtungen nach einer Herzklappenoperation festhielt. Aber zum Glück haben wir Sommer. Der Sturm ist auch vorüber gezogen. Aber wir sind müde, sehr müde. Nils hat sich auch schon einen Gähner verdrückt. Aber heute Abend findet die Festival-Party statt und deshalb dürfen wir keine Müdigkeit vortäuschen und deshalb wird unser Blog heute auch etwas kürzer. Wir testen später mal das Bier, nicht, dass wir das nicht auch schon vorher getan hätten, aber das gehört eben auch zu einem Festival dazu. Wenn die Nächte immer kürzer werden, das Energielevel langsam aber stetig unter das Anfängliche sinkt, dann, ja genau dann, geht es eigentlich erst richtig los. Wir haben heute mehr gehört als gesehen. Wir haben bei NACHRICHTENENTSTELLT dem Zufall des Spiels gelauscht, dem Experiment, welches neue Figuren und Geschichten geschaffen, aus Vorhandenem Neues geschnitzt hat. Es war lebendig und chaotisch. Aber vor allem lebendig, wenn der Kippschalter des CD-Players Worte zurückhält, um sie dann wieder von der Leine zu lassen. Dabei werden Worte schnell auch mal zu Tönen und Klängen. Dazu singen die Vögel im Architekturschaufenster. Hier befindet sich die Installation Galapagos-Kreuzblende von Antje Vowinckel. Der Kuckuck und sein Terzsprung, heißt es. Und ich muss schmunzeln, weil auch Vogelväter mal schlecht singen können. Es dröhnt und zwitschert. Dabei hüpfen schwarze Tischtenniseier im Takt und verlassen ihr Nest, auf der Suche nach einem Neuen. Prägungsphase und Genetik und ich sitze dabei wie eine Schaufensterpuppe, werde angeguckt und gucke zurück, lege mich zurück und wünsche mir fast ein schwarzes Loch herbei, das die Sonne verdeckt und mich ins Vogel-Ping-Pong zieht. Dort, wo auch die armen Hybriden hocken; die Welt will sie nicht, sie werden nicht überleben, heißt es und sie fiepen ihr trauriges Vogelzwitscheri. Aber, ihr lieben Verlorengegangenen, die Welt ist doch besiedelt von Freunden, das sagt auch Lissek. Sie nehmen euch in den Arm und ihr könnt ihre Unterarme bestaunen. Sekundärer Benefit, sagt er. Aber das ist okay, finde ich. Besser als Prügler in der Besenkammer, armer Kafka. Lissek träumte von ihnen, erzählt er.

Ich versuche kreativ zu sein, aber bin nicht bei mir, das übernehme ich jetzt einfach mal. Vielleicht die Müdigkeit; nicht die Angst vorm Aufwachen, wie bei Lissek, sondern die Angst vorm Einschlafen. Einschlafen und etwas verpassen, das will ich nicht. Also weiter geht’s, und ich freue mich aufs Kellerbier und den letzten Film des Abends. Morgen mehr! Und da wird’s spannend: die Preise werden verliehen. Ihr hört es dann von uns. Au revoir.

Teil 2

Kurznachrichten entbehren aus meiner Sicht einer präzisen Informationsvermittlung. Ereignisse werden von Funktionsworten in eine Sprachhülse gepresst ohne eine klare Vorstellung von dem abbilden zu können was tatsächlich passiert ist. Die normierten und immer wieder verwendeten Füllwörter, werden durch die Wiederholung selbst zu Geräuschen, hallen im Geist nach und halten ihn besetzt. In seinem experimentellem Radiofeature NACHRICHTENTSTELLT hat Marc Matter, seines Zeichens großer Kippschalter Fan, spielerisch eine Text-Collage aus dem erstellt, was bleibt wenn den Nachrichten die Informationen entnommen wurden. Für sich bleibt der Mantel aus Wörtern. Wörter die in dieser Form mal wirken, wie unzählige Stimmen, die auf die Zuhörenden einsprechen und durch sie hindurchfließen oder, als Noise-element verarbeitet, abstrahiert werden können. Wie es in der Diskussion heißt wurden sie:

„Zur Kenntlichkeit entstellt“

Auch ist die Reihung der klanglichen Ereignisse stellenweise im Text der Arbeit gespiegelt.

„Ich liege im Dunkeln und lausche“

Während der Hördokumentation von Michael Lissek, Zeit ist Frist. Mein Herz. Ich., entstehen Bilder. Starke Bilder und eine Nähe. Ein Gefühl von Ehrlichkeit wird vermittelt. Fragen, weinen, Zärtlichkeit, Veränderung und Demütigung.

„Nicht bei sich sein ist Fürchterlich.“

Ich stelle mir einen Fremdkörper im Leib vor, der zu einer Entfremdung des eigenen Körpers führt. Was für eine Zumutung es sein muss für den Körper, eine Zumutung für den Geist und ich bekomme Angst bei dem Gedanken, selbst einer solchen Operation gegenüberzustehen. Die Schutzlosigkeit, ausgeliefert sein und das Sehen von Zeichen. „Der Kranke als Semiologe.“ wie es in der Diskussion noch gesagt wird.

Ein Zitat das bleibt: „Wie schön das ist, was die Welt ist und wie umwerfend traurig.“