Indem man liebt, verändert man auch schon die Welt.

Lara und Vital studieren Literarisches Schreiben an der Uni Hildesheim und sind zum dokKa-Festival nach Karlsruhe gefahren. Am dritten Tag berichten sie von den Arbeiten und Diskussionen des Tages.

 

Dritter Festivaltag

01.06.2018 - Die Welt braucht die Wahnsinnigen und die Verrückten. Ohne sie wäre es langweilig und trist. Die großen Träume, in der großen Stadt, mit ihren vielen Mikrokosmen.

Darum ging es auch heute, ob in Neun Stockwerke neues Deutschland oder Berlin Excelsior. Auch in Sprechstunde, blicken wir in einen winzigen Raum, der die unterschiedlichsten Menschen vereint. Sie kommen zusammen und berichten von ihren Ängsten und Sorgen, aber auch von ihren Träumen, mitten in Paris.

Ich träume mit ihnen und es tut gut.

Und ich denke, ich bin nicht allein. Manchmal stehe ich in Hildesheim lange am Fenster und blicke zum anderen, gegenüber und frage mich, ob die sich da drüben manchmal fragen, ob ich je was anderes mache, als dazustehen und zu schauen und zu träumen. Und das alles findet in diesem Zimmer statt, das Träumen, das Denken, das unbestimmte Schleichen und Gucken. Als ich zur Abschlussdiskussion des letzten Filmes, Berlin Excelsior, gehe, erfahre ich mehr von dem Gebäude, das die Kinemathek umschließt, vom Katzencafé und dem Sexshop, dem Fahrstuhl ins Ungewisse, denn dort wohnen Menschen, irgendwo, dort oben, über der Shisha Bar, den Ahornpappeln und dem ominösen Tunnel. Und ich wiederum erzähle vom Ihme-Zentrum in Hannover, ein Zentrum im Zentrum, den großen Plänen, die scheiterten und den kleinen, die im Inneren fortbestehen, von Menschen die kamen, als noch alles im Aufbau war oder jenen die erst kamen, als schon alles wieder vorbei war, weil ihnen nichts anderes blieb. Und sie alle kommen zusammen, leben nebeneinander oder miteinander. Manchmal entsteht das eine aus dem anderen. Reinhard Schneiders Hördokumentation erinnert mich ein wenig daran. Wechselnde Namen an Briefkästen, Menschen wie Chris oder Heinz, die schon ewig dort wohnen, Tür an Tür mit Gerda und ihren Mittwochsbratkartoffeln, oder Hassan aus Mossul, oder Adi aus Damaskus. Da liegen schon mal Sonnenblumenkerne im Fahrstuhl, werden Türen eingetreten oder gleich ganz ausgebaut.

Reinhard Schneider fühlt sich hier auch wohl, zieht vielleicht mal ein halbes Jahr in das Hochhaus im Ruhrgebiet. Dann geht er abends rüber zu Heinz, einen 6er Bier unter dem Arm.

Zu Sprechstunde, oder schöner: Atelier de conversation, komme ich etwas außer Atem an. In der Pause fand ich noch grade so einen Bäcker, in welchen ich stolperte, an hunderten Menschen vorbei, um daraufhin direkt mit einer Taube zu kollidieren, die sich dann auch noch in meinen Haaren verfing. Danach hatte ich erstmal die Schnauze voll und war froh, als ich wieder in den samtenen Sitzen hinunterrutschen und mich mit Bernhard Braunsteins Dokumentation ins Herz einer Pariser Bibliothek zurückziehen konnte.

Ich fühle mich sofort beruhigt. Die Menschen dort wollen ihr Französisch verbessern, sich unterhalten, kommen von überall her oder leben auch schon seit Jahren in Paris; sie sprechen über die Liebe, Heimweh und andere Krisen, Ängste und die Arbeit, oder im Gegenzug die Arbeitslosigkeit. Was bleibt sind Verbindungen und Freundschaften, die entstehen, Lasten die abfallen, oder zumindest weniger schwer drücken. Man begegnet sich mit Neugier, Offenheit und Respekt, dann fahren die Rollos hoch und man verliert sich möglicherweise wieder im Großstadtgetümmel. Das wird aber nicht erzählt. Wir bleiben im Raum mit den roten Stühlen, sehen Menschen, die zuhören und auch mal streiten oder weinen. Und ich frage mich, die Kamera steht während der Stuhlkreise immer in der Mitte, wie das möglich war, ohne die besondere Atmosphäre zu beschädigen, ohne die Menschen zu verunsichern. Ich könnte nicht mehr so frei sprechen, schon gar nicht in einer Sprache, die ich nicht richtig beherrsche. Aber dann sehe ich den Regisseur auf der Bühne und weiß warum, auch in der Diskussion später wird der respektvolle Umgang mit den Menschen gelobt. Sein Film zeigt eine Welt in einem Raum. Ein Mikrokosmos der Fragilität, der Neugier, der Offenheit und Toleranz.

André Krummel erzählt, er wollte keine typische Dokumentation, keine typische Kameraführung, sondern eine Art spielfilmähnliche Inszenierung, die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählen. Vielleicht muss man über einen anderen Begriff nachdenken, sagt er später. Dokumentation kann so vieles sein und heißen. Und er erzählt vom dänischen Begriff für Kino: Biograf. Bio-Leben. Graf-abbilden, aufzeichnen. Das Leben aufzeichnen, das Leben in all seinen Facetten, ob nun fiktiv oder nicht, berichtend, beobachtend, kommentiert oder unkommentiert.

Wir jedenfalls freuen uns, dass Berlin Excelsior dabei ist. Und er zeigt sie uns auch, die Verrückten und die Träumer, die Suchenden oder die, die gefunden haben. Tragödie und Komödie. Norman, Michael und natürlich Claudia. Und manchmal frage ich mich, kann das wirklich so passiert sein- aber eigentlich: Ist das nicht egal? Die Palmen einer Insel im Hintergrund an der Wand, der stetig vorbei rasende Sternenhimmel: Ein Haus wie ein Planet im Kosmos der Träumenden.

Ps. Michael lebt übrigens noch. Das wird normalerweise immer gefragt, nach einer Vorführung von Berlin Excelsior, erzählt André Krummel. Und wir hoffen, das bleibt noch lange so.

 

Was bleibt ist der Wille zu Überleben

Warten und Gewehre und Planen und Handeln. Gekappte Kabel die an den aufgeschnittenen Stellen ausfransen. Schnee, Schutt und in der Nacht ist es dunkel. Es gibt keinen Strom in diesem Stadtteil von Damaskus und sichere Orte gibt es eigentlich nirgendwo in Syrien. So heißt es in 12 Tage, 12 Nächte in Damaskus von Roshack Ahmad. Mit einer kleinen Kamera gefilmt, teilweise im Nachtsichtmodus, sind die Aufnahmen unglaublich nah am Geschehen, aufreibend und aufwühlend.

„Wer sein eigenes Volk ermordet ist ein Verräter“

steht in arabischer Schrift auf einem Pappschild, das von einem verhüllten Mann gehalten wird.

Ein Paradox des Krieges denke ich, denn Ermordete gibt es auf allen Seiten. Später in der Diskussion sagt Ahmad etwas Passendes, wie ich finde.

„Egal auf welcher Seite gekämpft wird, keiner hat eine freie Entscheidung. Keiner ist glücklich und keiner will eine Waffe in den Händen halten„

Leichen in zerstörten Panzern. Druckwellen von Detonationen, Rufe und Menschen. Schüsse in der Ferne. Schüsse in der Nähe. Schatten von Kämpfern die Kriegsgerät betätigen huschen über Wände. Misserfolge und Blut auf dem Boden. Es werden Menschen getötet deren Gesichter niemand je sehen wird. Opfer einer Gewalt, die wir, die wir sie nie erleben mussten, auch nie verstehen werden.

„Sie alle hatten ein normales Leben.“ Sagt Ahmad.

Eine Normalität in die sie wohl nie werden zurückkehren können. Nun heißt es bei den Kämpfern der Freien Syrischen Armee:

„Wer belagert wird muss töten oder wird getötet.“

Während des Films muss ich über die Einzelschicksale dieser Menschen nachdenken und wie sie sich in dieser Art von militärischem Verbund aufzulösen scheinen. 60 Stunden Bildmaterial werden zu einer Stunde Kriegsrealität verdichtet. Und ich sehe sie stehen vor der Sonne auf den Trümmern des Sieges. Warten und Gewehre und Planen und Handeln

Wir sind die letzten im Kino und nehmen uns die Zeit uns zu sammeln. Uns ist bewusst, dass nur eine Idee vermittelt werden kann, von den Zuständen, die tatsächlich herrschten und herrschen.

In der Diskussion wird die Frage nach dem Grund, aus dem Ahmad Jahre wartete um das Material in einen Film zu verwandeln, beinahe wie ein Vorwurf formuliert. Es wird gesagt, es wäre wichtig gewesen zu der Entstehungszeit des Materials, die Bilder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aber welche Öffentlichkeit ist gemeint? Mir kommt es so vor, als würde es um eine Öffentlichkeit außerhalb des partizipatorischen Rahmens, des im Film dargestellten Konfliktes gehen. Und in diesem Fall fände ich die Frage äußerst unsensibel. Ahmad meint dazu, dass die Aufnahmen nie nur als Nachrichten gedacht gewesen wären.

Wichtig zu erwähnen finde ich noch, dass sie die Kämpfer auch nur als Kämpfer darstellen wollte und „um diese Art von Aufnahmen zu machen“, sagt sie, „muss man den Leuten vertrauen und die Leute müssen einem das gleiche Vertrauen entgegenbringen.“