3. Blogeintrag 2020

03.10.20

 

Landretter

Heute beginne ich gleich am Vormittag mit einem klassischen Dokumentarfilm zum Mandelmilch-Kaffee und Wachwerden. Und das mit einem so informativen Film, der so reichhaltig an Themenschwerpunkten und Auseinandersetzungen ist, dass ich schon wieder etwas überfordert bin: „Landretter“ von Gesa Hollerbach, die später am Abend beim dokKa Treffpunkt zu Gast sein wird, verfolgt mehrere Protagonisten in einer über acht Jahre gehenden Langzeitdokumentation. Die Geschichten und Kämpfe der Personen eint, dass sie gegen Landgrabbing kämpfen, gegen das Aussterben des ländlichen und dörflichen Lebens. Sogenanntes Landgrabbing oder Landkonzentration bedeutet, dass immer mehr Land von Großbetrieben aufgekauft wird; einer Studie des Transnational Institute zufolge in Europa 52% (geht an Großbetriebe mit über 100 Hektar), während Kleinbetrieben (unter 10 Hektar) gerade mal 11% gehört.

Dieser Film ist der erste klassisch narrative, informative Dokumentarfilm, den ich während des Festivals schaue. Ein Film, der eindeutig politisch motiviert ist, der mit einem Thema, einer Botschaft angefangen hat, und sich daraufhin die passenden Subjekte suchte. Es wird detailreich der Prozess beschrieben, wie in drei verschiedenen Regionen drei verschiedene Protagonistengruppen gegen das Landgrabbing Widerstand leisten. Es ist ein Thema, mit dem ich mich bislang noch nicht ausführlich beschäftigt habe und dem ich interessiert folge, nicht nur, aber zum großen Teil auch weil die jeweiligen Figuren sehr gut ausgesucht und porträtiert sind, man folgt ihnen gerne, sie sind eigenwillige, starke, bewundernswerte Leute, die an etwas glauben, die etwas antreibt; Motivation, von der man mitgetragen wird, selbst bei einem erstmal vielleicht „staubig“ wirkenden politischen Hintergrundthema.

Hollerbach folgt drei Geschichten von Widerstand, die sie, gesteht sie (wie gestern Lintner), auch mit großer Mühe unter Anderen auswählen musste: eine EU-Parlamentarierin, die auf dem politischen Weg mit Studien gegen die Landkonzentration ankämpft, eine sächsische Bürgermeisterin, die gegen die Schließung ihrer Dorfschule vorgeht, und das sogar bis vor das Bundesverfassungsgericht, und drei Männer eines UNESCO Komitees, die sich dafür einsetzen die sogenannte „Sternen-Oase“ im österreichischen Großmugl zum Weltkulturerbe zu machen.

Das ist das erste, was ich heute ganz neu lerne (übrigens ein weiteres Stichwort für das Festivalfeeling, den Ausnahmezustand, ich lerne viel neues, das macht es auch aus): Sternenbilder sind vom Aussterben bedroht. Zum Anfang des Films macht einer der ganz liebenswert nerdigen Herren eine Liste aller bedrohten Sternenbilder. Wieder geht es also, wie schon in vorigen Filmen beobachtet, irgendwie um dieses Thema des „Vom Aussterben Bedroht Seins“.

Ähnlich ergeht es ja den dörflichen Strukturen, zum Beispiel mit der Schule in Sachsen, die schließen muss, weil immer mehr Menschen in die Großstädte ziehen. Wir leben in einer Zeit, in der man um dieses Themengebiet, diese Begrifflichkeit rund um das Aussterben nicht herumkommt, weil sich so viel wie noch nie in so kurzer Zeit über das letzte Jahrhundert und in diesem Neuen verändert hat, mit der Industrialisierung, der Globalisierung, der Kapitalistischen Freien Marktwirtschaft, usw., wir kennen es ja, in Theorie ganz viel.

Hier bekommen wir nur eine kleine, und doch so wichtige, von ganzen vielen Facetten vorgeführt, davon, was für eine Auswirkung diese Änderungen auf Menschen und Umwelt haben (Schule und Sternbild Metaphern stehend für eben diese). Diese Geschichten bebildern etwas Abstraktes, was sonst schwer zu fassen ist, sichtlich sehr gut. Das Sternenbild, das wir auch im Film zu sehen bekommen, das so erstaunlich nah der Großstadt Wien ist, dem kann man sich nicht entziehen. Es blutet einem das Herz, sich vorzustellen, dass es nicht mehr zu sehen sein könnte, dass es vom Antlitz des Himmels verschwinden könnte, wie ein geliebter Mensch aus der Peripherie unserer Körper.

Ich erinnere mich: ich vergesse meistens in meinem Stadtleben, dass ich die Sterne nicht sehen kann, die für mich als Dorfkind normal waren. Doch sobald ich zu meinen Eltern aufs Dorf reise, ist es eine der ersten großen, fast mit jähem Erzaudern wahrgenommenen Dinge, nebst der Stille und dem Kuhmuhen: da sind die Sterne, glänzend, extrem. Ja, die würde ich nicht missen wollen, zu wissen, dass es sie gibt, wenn ich sie brauche. Es ist genau, wie einer der Protagonisten im Film sagt: wir wissen oft nicht, was wir vermissen, bis es nicht mehr da ist. Ich habe nicht daran gedacht, bis mich „Landretter“ daran erinnerte, danke dafür.

Hollerbachs Film ist optimistisch, stark, macht Mut, weil wir eben Menschen zusehen, die genau das sind. Es gibt einem das Gefühl, wenn auch durch ab und an viel Gähnen hier und da hindurch (die Parlamentssitzungen sind natürlich ganz schön repetitiv), doch etwas verändern zu können, es braucht halt Geduld, einen langen Atem. Acht Jahre lang Filmen, das ist auch eine Meisterleistung. Ab und An in einen endlosen Sternenhimmel schauen zu können, hilft dabei sicherlich. Und ich vermisse, um 01:09 sonntags, diesen Blog schreibend, die Sterne, die hier in meiner Peripherie der Berliner Großstadt nicht zu sehen sind, aber in Großmugl.

 

 

Ein Strumpf wächst durch den Tisch

Für eine Hördokumentation treffe ich mich dann mit Louis-Jeremy Spieß (Jerry), Schauspieler, Dramaturg und Lektor aus Wien (es sammelt sich irgendwie viel Österreich in den letzten Tagen an, wundere ich mich). Heute ist vielleicht das letzte gute Wetter angesagt (des Jahrhunderts, wie sich das ja dann immer so anfühlt); deshalb wollen wir spazieren, und einen guten Fleck finden, um dem Audiostück im Grünen zu lauschen.

Wieder: eine ganz neue Art von Heimkino, eine ganz neue Form von „Festivalerfahrung“. Ich baue mir mein eigenes Festival, aus der Freiheit, die eigenen Orte zu bestimmen, und mit neuer Bedeutung und Erinnerungen zu besetzen, der Freiheit, das Festivalfeeling mit besonderen Menschen meines Umfelds besonders zu bestücken und zu gestalten. Ausnahmezustand, selbst kreiert, ich bin selber verantwortlich für dieses „Festivalfeeling“, merke ich, wenn es Online stattfindet. Nur so auf der Couch, wäre das ein Festival? Spannende Städte erleben, das macht es mir leicht, Chicago, Berlin (als es noch keine Heimat war), Cannes, Bologna, klar, die drängen sich einem förmlich auf mit ihrem Erlebnisfaktor, ihrer Charme, ihrem Ausnahmezustand; nun muss ich mich schon ein wenig bemühen, um es zu erleben. Und erleben, das tun wir dann, im Folgenden:

Bereits beim Spazieren entlang des Berliner Mauerwegs, am Kanal von Britz entlang, man ist schnell mitten im Grünen und am Wasser, verfolgen wir zufälliger- oder schicksalshafterweise genau die Themen (oder zumindest ähnliche, oder zumindest meinen wir das), um die es dann im Hörstück „Ein Strumpf wächst durch den Tisch“ von Ulf Stolterfoht gehen wird.

Wir finden eine geeignete Stelle am Fluss, schauen in den Himmel und ins Laub (wie lange habe ich das nicht mehr getan, fällt mir auf), das Smartphone zwischen den Köpfen, und lauschen der sagenhaften Polyphonie, wenn nicht gar Kakophonie, dem sonderbaren Collagen-Stimmengewirrteppich von „Ein Strumpf wächst durch den Tisch.“ Ja, es ist genauso „seltsam“, wie der Titel bereits vermuten lässt. Seltsam … womit ich: zahllose Metaphern und Bilder kreierend, und mit vielerlei Sinneseindrücken intensiv erschreckend meine? Oder: irgendwie so was? Oder was meine ich eigentlich, was sind die Worte, die sich am ehesten dem Eindruck nähern würden, oder dem Produkt, das sind ja auch zwei verschiedene Dinge?

Es verschmelzen hier wieder so viele Ebenen, abstrakte und konkrete. Abstrakt die vielen Gedankenspiralen, die angeschubst werden. (Halbwegs) Konkret ist die Ebene der Figuren, die man im weitesten Sinne „dokumentarisch“ nennen könnte (aber eben auch wirklich nur „im weitesten“): es sprechen die Stimmen der RAF Gefangenen, die sich mit Kassiber während des Hungerstreiks in Stammheim verständigten.

Ich hörte das erste Mal von Kassiber, geheim gehaltene schriftliche Mitteilungen aus oder innerhalb Gefängnisse, das musste ich später recherchieren, gebe ich zu. Wieder etwas gelernt. Dieser Inhalt, dieser Umstand, ist sozusagen der unterste Boden einer Pyramide, eines wackeligen, wenn nicht gar im Winde verwackelt tanzenden Hochhauses aus Bedeutungsebenen, die sich dann darüberlagern.

Mit den RAF-Gefangenen und ihren Kommunikationen ging es für Autor Ulf Stolterfoht, der die erste Fassung des Textes schrieb und selber performte, los. Er beschreibt im Interview die RAF damals, als er jung war, als Helden, Idole von sich, was später zersetzt wurde: Er war erschreckt von der Garstigkeit einige der Fragmente, die dort untereinander ausgetauscht wurden, der offensichtliche Sexismus und die Selbstbeutelung, die er darin entdecken musste, was für ein Macho Baader war.

Deswegen werden diese Stimmen wohl auch so zersetzt, zerrissen, mit anderen Worten, Zitaten, und Stimmen vermischt, bis sie sich uns fast gänzlich entziehen. Baader zitiert öfter selber Wittgenstein in diesen Kassiber, woraus eine weitere Ebene im Hörstück wird: immer wieder Zitate von Wittgenstein. Dadurch wird das Thema des Benennens von Dingen angestoßen, um die Wahrheit hinter Worten und welche Macht dies hat. Bezeichnen Worte genau das, was da ist? Könnte man alles anders sehen? Irgendwann sagt einer (ist es ein Zeitgenosse Wittgensteins, es ist mir nicht klar) „Aber du kannst doch nicht sagen: Es ist ein Rhinozeros im Raum, wenn keiner da ist.“ Um zu sagen: Worte haben doch eine Bedeutung, ja, sie können Wirklichkeit beschreiben, auf die wir uns einigen können.

Aber Wittgenstein sieht das scheinbar nicht so. Ich denke an Humpty Dumpty in Alice im Wunderland, der Worte einfach mehrfach und anders auslegt, und Alice sagt „The Question is whether words can mean so many different things“ und er antwortet einfach nur „The Question is: who is to be master.“ Das verlinkt sich mit den RAF Leuten, mit dieser Geschichte, denn: es geht auch um Macht, es geht um Hierarchien, Gewalt, es geht darum, wie Sprache genau diese schafft.

Als weitere Ebenen schichten sich literarische Vorlagen akustisch übereinander, Herman Melvilles Moby Dick und das Märchen des Rumpelstilzchens. Letzteres spannt zumindest einen irgendwie erahnbaren dramaturgischen Bogen, sodass man sich nicht so ganz im Stimmengeschwader verliert. Und bei Rumpelstielzchen geht es dann auch um das genaue Benennen, das Nennen seines wirklichen Namens nämlich bedeutet Macht über ihn haben zu können. Beschert einem also ein Machtdispositiv, wenn man Benennen kann, wenn man im Besitz des „wahren Wortes“ ist. Ein Satz von Gudrun Enslin vor allem wird sehr oft wiederholt (kann ich daher annehmen, er sei der wichtigste, ich weiß nicht:) „Den Sinn eines Satzes verstehen, heißt: wissen wie die Entscheidung herbeizuführen ist, ob er war oder falsch ist.“

Als wären alle diese Inhalte und Ebenen noch nicht genug, verweben sich auch noch mehrere Sprechende miteinander, es gibt chorische Elemente, aufeinander gelegte, fragmentierende und verhallende Stimmen, sowie eine einzigartige musikalische Komponente des Kammerflimmer Kollektief, die einen auch noch einmal auf eine andere Reise mitnimmt, fernab der Bedeutungskonstrukte von Sprache, reiner Klang, und was das auslöst, wortlos, ein Zucken geht mir hier und da durch den Körper. Eine eigenartige „Radikalität“ in dieser Musik, wie im Interview gesagt wird. Sie macht es einem nicht direkt leichter, das wollen die Macher*innen auch nicht, eher: noch mehr; aber zumindest etwas anderes.

Es ist wieder einmal sehr schwer, etwas Endgültiges, Abschließendes über das Erleben dieses Hörstücks auszusagen. Außer, dass es im Endeffekt genau so ist, wie es sich Macherin Iris Drögekamp (dieser späteren aufgenommenen Hörfassung nach dem Text von Stolterfoht) wünscht: es ist eine zutiefst „sinnliche Erfahrung“, der man sich nicht entziehen kann, man wird auf einen rauschähnlichen Trip mitgenommen, in einen faszinierenden Schreckensstrudel hineingerissen, und als es vorbei ist, ist man damit noch lange nicht vorbei.

Jerry und ich sind danach nämlich offenbar sichtlich derart sinnesberaubt, dass wir selber kaum einen klaren Satz fassen können. Wir beobachten: wir reden selber auf einmal so, wie es die vielen Sprechenden im Stück taten, also abbrechend, stotternd, haspelnd, zerfaselnd, zerfasert, „der Quatschmatsch im Kopf flutschflatscht“, irgendwie so, so ist mal eine Stelle, da, wo sich immer mehr der Bedeutung entzogen werden will.

Mein Kopf fühlt sich tatsächlich so an, wie er sich sonst erst nach sieben Tagen Festivaltreiben und Schlafmangel anfühlt, dünnhäutig und durchgeknallt, aber sehr „da“, sehr „anwesend im Empfinden“.

Da balanciert dieser Strumpf, der durch den Tisch wächst, also irgendwo in einem gemeingefährlichen Drahtseilakt zwischen dem Wunsch nach Bedeutsamkeit der Worte, dem Wunsch nach Erkenntnis, und der völligen Selbstaufgabe im poetisch bis bräsigen Blablabla Geblubberblabber. Es entstehen, wie die Macher*innen sagen, „unterirdische, subkutane Verbindungen“. Wollen wir Bedeutung oder bedeutet diese immer automatisch ein Machtkonstrukt, frage ich mich, welches wir anderen aufzwängen würden, die nicht dieselbe Bedeutung sehen?

Auf dem Rückweg, auf dem schnörkelnden Weg von Britz nach Baumschulenweg, die Frage: ist das noch eine Dokumentation? Und wenn ja, was dokumentiert sie genau? Es scheint mir mehr seinen eigenen Prozess, seine Empfindung, das was es auslöst, die Form selber zu dokumentieren. Es ist das Gegenteil eines Filmes wie dem eben am Morgen gesichteten, der eindeutig ein Thema, Figuren, einen dramaturgischen Bogen, ein Ziel hat, auf das es hinauswill. Was will dieses Dings?

Es fühlt sich so an: es will uns ficken. Jerry sagt, wir haben uns aber auf dieses Gefickt Werden gut vorbereitet, durch genau die Themen, die wir zuvor schon hatten. Da ging es um Das Böse, um Gewalt, darum, dass man mit Gewalt („mit einem Hammer“, so Jerry) das Gute aufzwingen wolle (wolle? solle? müsse?). Geht das? Ganz ähnlich wird es dann im Stück formuliert: Man müsse mit Gewalt die Gewalt beenden. Das sind diese RAF Gedanken, so Revolutionsgedanken, wie ich sie von Freunden ausgesprochen gehört habe und oft reflektiere. Eine konfliktreiche These, über die ich so lange diskutieren könnte, die Meinungen und Ansichten, die mir dazu begegneten, ausbreiten wie ein Picknick, wofür ich nicht die Zeit habe, wo ich auch nie zu einer abschließenden Meinung kommen konnte.

Es bleibt mir nur einen Energyball aus Kakao, Dattel und Haselnuss herunterzuwürgen, wie diesen Gedanken: was kann mehr anrichten, der Stift oder das Schwert? Die Worte oder die Waffen? Auch darum spinnt sich ein Netz aus Gedanken im Hörstück, und wieder ist da Wittgenstein, den ich gestern (wieder wie zufällig? schicksalshaft?) bereits zitierte (& bestimmt auch falsch, wie Baader), im Zusammenhang mit Gewalt: kann man sprechen vom Schrecklichsten, kann man Worte dafür finden, bzw. darf man das?

Die RAF Menschen sprechen vom Hungerstreik, davon, wie viele Gramm sie in 24 Stunden abnehmen können, wie eine bei 46 Kilo ist, es zuckt in mir, die Gewalt ist da, Gewalt an sich selber. Ist das Widerstand, ist das wirklich Macht gegenüber der Machtlosigkeit, die man eigentlich hat, demonstrieren? Ist das einzige, was man dann noch hat, den eigenen Körper zu zerstören, drückt sich daran Eigenmächtigkeit aus? Diese seltsame Freiheit: anhand der eigenen Selbstzerstörung. Es fühlt sich unangenehm an, in Verbindung mit dem gestern gehörten „Königreich des Schweigens“, irgendwie nicht richtig. Ich denke: damit spielt man eigentlich erst recht einer kapitalistischen Marktlogik in die Hände. Ich brauche nur ein paar Meter in Berlin vor die Haustür zu gehen, an die U-Bahnstationen entlang der U1 um zu sehen, wie wir die „Freiheit“ haben uns selber zu zerstören, mit Substanzen und den Schmerzgeschwüren unserer eigenen zerschundenen Glaubensätze, zersetzter Hoffnungen, verlorener Identitäten.

Wie man merkt: es geht um so vieles. Auch eben um das Benennen von Dingen, und ob das Abhilfe verschafft. Ob das etwas ändert, an den Dingen, an der Situation. Ob man jemals „der“ Wahrheit mit Worten näherkommen kann. Bevor wir uns zum Hören niederlassen, habe ich einen Reiher gesehen und sage zu Jerry: „Schau, ein Reiher!“, damit er ihn auch sieht, weil der so da ist, plastisch in seiner Physis, aber auch weil er für ganz viel mehr steht: Natur erleben, Momenthaftigkeit. Nachher sagt er: „Das war so eine Verdinglichung, wie sie im Hörstück immer wieder erwähnt wird.“

(Das Hörstück wiederholt allerdings „Verdinglichung“ und andere Worte so oft und in so vielen Tonlagen und Modalitäten und Verzwirbelungen der Worte, dass es allem Sinn und Sinnen entleert wird). Du siehst etwas, du gibst dem einen Namen, du willst es mitteilen, festsetzen. Medium also, Kommunikation also? Geht es darum? Um das kommunizieren, sich einigen können auf einen Ausdruck für das, was man sieht, und sich dadurch irgendwie annähern können, an die Dinge, aber auch aneinander? Und geht das ohne Hierarchien, ohne Machtkonstrukt, ohne, dass einer dem anderen seine Bedeutung, seine Wahrheit aufzwängt?

Jerry sagt, wieder auf die Gewalt ansprechend: Ob man eine Bombe zündet oder ein Gedicht schreibt, es sei dasselbe, sei ein Symbol, natürlich nicht wirklich, aber, man wolle doch Veränderung erzwingen, man wolle doch eben gewaltsam eine Beziehung zur Welt herstellen, seine eigene Wirkmacht, wie mit dem Hungerstreik.

Wir sehen beide einen Reiher über uns hinwegfliegen und sprechen diesmal gleichzeitig aus: „Ein Reiher!“ Und es ist ein Moment, Symbol wird Subjekt wird Wahrheit wird ein Moment wird Bestätigung dessen was der andere sieht gegenseitig ausgetauscht wird ein gemeinsames wir wird gemeinsames Erleben. Schmerzhaft eben dann, wenn nicht dasselbe gesehen wird, wenn einer das Rhinozeros sieht, wo der andere den Reiher. Dort wird es dann kompliziert.

Die Sprache, das Aussprechen und Bezeichnen dessen, was man sieht, schafft einen komplexen Mehrwert. Gleichzeitig, ja, ist das Ding, all diese uns umgebenden Dinge auch immer Mehr Wert als alle Worte über sie sein können. Sprache und Welt, beides Mehrwerte in sich, sie stehen im Verhältnis zueinander, wie es sich vielleicht nur mit der Liebe beschreiben lässt: da ist etwas, das ist in dem Einzelnen, ist in der Sache, in dem Anderen, Und Zwischen Ihnen. Poesie. Quatschmatsch.

Jerry und ich reden uns also derart um Kopf und Kragen - und so ziemlich alles, um Schultern, T-Shirt, Hüfte, Hose, Sneaker, Zehen, so schwer ist es, dieses Hörstück zusammenzufassen, eine in einen knackigen Satz gefasste Fastfood-Zusammenfassung zu erhalten, abzuschließen, Erkenntnis festgebrannt stehen zu sehen, wie ein Tattoo, wie eine Wandmalerei. Geht nicht, und muss auch nicht, das ist das Gute, Gute Nacht. Das will der Strumpf zum Glück auch nicht von einem. Es ist vor allem Erleben, das zählt, und erlebt haben wir, intensiv, immersiv erlebt.

Das ist ein gutes Stichwort für den nächsten Film des Abends, indem es um Tod geht, der einen ja immer wieder darauf verweist, dass man mehr will als sein Leben „verleben“; man will es: ausgesprochen ausdrücklich erleben.

 

 

Post Mortem Berlin

Am Baumschulenweg, genau da, wo ich lebe (manche Überschneidungen sind schon gruselig, es gab wirklich schon viel Berlin und nun auch noch das:) da gibt es ein Krematorium. Das Konzept von Anton von Heiselers kurzem Film ist, mit der Kamera akribisch genau die Beseitigung eines Körpers zu verfolgen, den industriellen Vorgang innerhalb der herausstechenden Architektur des Krematoriums. Die Kamera liegt dabei zum größten Teil direkt auf dem Sarg, von dem wir noch den vorderen Teil sich herumbewegen sehen, geschoben, auf Rädern oder in Aufzügen, die knirschen, knarzen, summen und surren.

Protagonist des Films sind diese Architekturen des Gebäudes und das ephemere Ableben, der bereits nicht mehr Anwesende, nur noch der Körper, weniger die Menschen, die im Krematorium an diesem Prozess mitarbeiten, die wie Marionetten sind, aber keine Rolle spielen. Nicht, wie von Heiseler selber sagt, weil sie nicht interessant wären, sondern weil es ganz einfach das rigide, simple Konzept des Films zerstören würde. Der Mensch ist ja auch tot, er ist verdingt, ein Teil, das man abschafft. Da kann Leben nur stören, wo es um eine Meditation über den Tod geht. Aber die Abwesenheit ist zugleich anwesend, gerade durch ihre Abwesenheit, das vielleicht ist er, der Tod, die Anwesenheit von Abwesenheit.

Post Mortem Berlin“ ist ein Experimentalfilm, ein Architekturfilm. Der Regisseur im Interview kommt genauso nüchtern wie sein Film herüber, ein rationaler Kopfmensch, den die stichhaltigen Informationen um den Verbrennungsvorgang mehr interessieren als emotionale Gefühle über den Tod zu erschaffen, da sei auch kein Mensch mehr dran beteiligt, am toten Körper.

Trotzdem kann man natürlich unmöglich nicht Gefühle dazu haben - schon allein durch meine Situation, die Ansammlung von schon so vielen anderen Beiträgen, die noch in mir wühlen, ist ja alles schon ganz schön angestaut, und jegliche Meditation über den Tod, vielleicht auch gerade so nüchterne, rühren in mir noch mehr, machen mir Angst und Bang und mich umso mehr Am Leben Seiend. Es ist eigentlich immer Ausnahmezustand, wenn man im Leben an den Tod denkt, denke ich mir, weil es das Gegenteiligste ist, das Entfernteste, das am meisten aus dem Leben reißendste, alles auf den Kopf und in Frage Stellendste, zumindest für mich.

Bezeichnenderweise ist die Architektur dieses ausgewählten Ortes, des Krematoriums, durch dessen umliegenden Friedhöfe ich oft spazieren gehe und absurderweise auch mal eine Fotosession mit einer Freundin machte, mich selbst am Leben seiend festhaltend, zwar natürlich auch funktional, nüchtern, neutral, aber eben nicht nur. Die Axel Schultes Architekten, die unter anderem auch das Berliner Bundeskanzleramt schufen, haben sich schon etwas dabei gedacht, weil es nicht irgendein Ort ist. Es zählt, es hat Bedeutung. Es dominieren starke grüne und blaue Farben, die herausstechen.

Man braucht nicht traurig sein, sagt von Heiseler dazu. Und weitere Ablebevorgänge zu filmen, würde ihn zukünftig interessieren, sagt er fast verspielt, zeigt die größte Emotion bisher, die immer noch klitzeklein ist, in dem Funken Vorfreude darüber, mehr Tod zu filmen. Damit auch gerade dem Leben, das davor ist, ein Denkmal setzen, von dem wir ja nur eines haben. Ein Leben, und einen Tod.

Wie nah mir dieser Ort ist, um den es in einem Film vom Karlsruher Dokumentarfilmfestival geht, das geht mir vor allem durch den Kopf. Ich spüre Anwesenheiten. Ich spüre Abwesenheiten - auch im Festival Erleben, in diesem Onlineformat, immer wieder. Ich bin hellwach, ich bin dunkelmüde.

 

Und nun im Sinne eines Wortes, das im Strumpf Stück auch immer wieder wiederholt wird, erst einmal bis morgen:

„Pause.“

 

 

Gwendolen van der Linde