2. Blogbeitrag 2020

02.10.20

„we can listen, but there are no words.“

 

Bilanz nach 2 Tagen:

3 Filme, 2 Hördokumentationen, der Körper tut weh, der Geist tut auch weh, die Immersion ist gelungen, ich bin dünnhäutig und beflügelt, innerlich zerrissen, wund und ausgesetzt ganz vielen Gedankenspiralen, und allgemein mich am Leben fühlend.

Ich weiß heute gar nicht, wie ich meine verschiedenen Erfahrungen mit dem Gesehenen und Gehörten in einen sinnvollen dramaturgischen Bogen spannen soll, mit narrativen Überlappungen, Parallelen und Verschmelzungen. Daher gehe ich einfach chronologisch vor, und situationsberücksichtigend insofern, dass ich mein Tun und Sein Parallel zum Sehen und Hören der dokKa Beiträge erläutere: Um eben weiterhin auch das „Festival“-Treiben zu beschreiben, diese Tage als im weitesten Sinne „festival“-artig wahrzunehmen, also als Ausnahmezustand, trotz des ganz normalen Daheimseins, Aufregung beim Aufwachen, Sinn gestiftet für einen kurzen Zeitrahmen. Ich habe einen in wenige Tage eingeklammerten Sinn und Zweck, und ich gucke, höre und schreibe darüber.

 

Berlin / Brooklyn zum Putzen

Kinoraum neu gedacht: die letzten 24 Stunden habe ich aus dem Festival Heimkino doch eine Multitasking Affäre gemacht, aus der Not heraus (aber dazu sind Frauen ja fähig - ab morgen wird es dann wieder ganz nur Kino, ohne andere Sinneserfahrungen und Handlungen).

Während ich meine Altbau-Holzdielen-hohe-Stuckdecken-60m2-Zweier-WG in Berlin-Treptow putze, höre ich mir das Hörstück namens „Berlin / Brooklyn“ von Klaus Schirmer an. Gregor S. möchte eine im Studium noch für 65.000 DM erworbene Wohnung im inzwischen hippen, gentrifizierten Berlin-Friedrichshain verkaufen. Er hat dringend Geld nötig wegen seiner Scheidung. Er verzichtet auf Makler, die ihn im Folgenden terrorisieren. Sympathie ist für ihn ein wichtigerer Entscheidungsfaktor bei den Käufern als Geld; er möchte die Wohnung an jemanden verkaufen, von dem er sich vorstellen kann, die sind dann richtig glücklich darin. Damit ist er sicherlich das Gegenteil von allem, was wir in Berlin gerade erleben, und wo wir gegen ankämpfen, (überall hier die Banner und Grafitti: „Deutsche Wohnen enteignen“ sprechen dafür).

Es ist spannend wie nah und fern zugleich diese Geschichte für mich und meine Zeitgenoss*innen ist.

Einerseits wohne ich in genau diesem Gebiet, und bekomme die Gentrifizierung hautnah mit. „Berlin / Brooklyn“ verwebt sich mit meinem Nebenjob als Eat-the-World Tourguide, Führungen durch Friedrichshain anbietend, über den Boxi mit seinen berühmten Wochenendmärkten und das RAW Gelände laufen, den Touristen erzählen, dass die Preise hier um 180 Prozent gestiegen sind in den letzten zehn Jahren. Aber das ist auch die ganz gewöhnliche Fluktuation, der nächste Bezirk wird wohl Lichtenberg sein. Denn Gentrifizierung bedeutet, dass eine jüngere, finanziell schwächere Generation, Studierende und Migrant*innen, in eine Region ziehen, in der die Wohnungspreise noch niedrig sind, die sie sich leisten können. Und dann werden sie professioneller, werden Selbstständige, bauen, machen hübsche Läden, Restaurants und Zentren auf, stellen also positive Standortfaktoren her, die die Gegend wiederum hip machen. Daraufhin wird von Wohnungsbesitzern renoviert und die Preise angehoben. Es kommen mehr Touristen her. Und ab geht es für die nächste Generation in den nächsten, noch billigen Bezirk.

Ich kenne den Simon-Dach-Straßen Sauftourismus auch hautnah, mein Exfreund wohnte genau dort, in einer WG, die dem Mitbewohner tatsächlich gehörte. Nachts konnte man nicht schlafen, weil es so laut war, auch um 4 Uhr morgens unter der Woche. Das ist die Kulmination des Ganzen, schreiende Touristen, nebenan noch Seitenstraßen mit leerstehenden, unsanierten Häusern, wo es wohl Mieterstreite gibt, und noch besetzte Häuser wie früher, aus denen die Flaggen mit „DW enteignen“ drauf hängen. Es herrscht stets ein Hauch von Absurdität in der Parallelität dieser Welten, so dicht aufeinander gedrängt in diesem Stadtteil.

Fernab meiner Lebensrealität ist das Hörstück aber darum, weil die meisten Menschen, die sich in meinem Radar bewegen, meine Engsten, eben diese finanziell schwächeren, strauchelnden Künstler*innen sind, und daher die Preise, mit denen da hantiert wird, die Art von Menschen, die darüber reden, Wohnungen zu kaufen, so weit weg von mir sind. Da wollen einige eine Wohnung für ihr Kind kaufen, weil es in Berlin studieren geht; das ist etwas, das kann sich kaum jemand in meiner Lebenswelt vorstellen. Das sind schon andere Leute, die mit diesen Summen hantieren. Aber wir wohnen alle genau hier; wir kennen und bewohnen diese Wohnungen, die den Berliner Charme haben.

Ich habe fertig gehört und so fertig geputzt, wenn man hier jemals fertig putzen kann: Das Katzenfutter aus den Nischen unter den Dielen und aus den Latten an den Wandrändern kann man hier kaum rauskriegen, man darf nicht zu genau hinschauen oder es versuchen, sonst frustriert man nur, ein bisschen Dreck gehört zu diesem Berlin-Charme dazu, denke ich mir. Geputzt hat der Gregor S. nebenbei auch, ein Bad, das seit 20 Jahren wohl nicht geputzt worden war, wie er sagte. Ich lache, im Badezimmer mit dem Schwamm in der Hand, so würden ab und an Besucher*innen wohl auch unser Badezimmer beschreiben. Immerhin eine Parallele.

 

 

Königreich des Schweigens zum Joggen

Es ist ein Zufall, dass ich zum Hören der Hördokumentation „Königreich des Schweigens“ joggen gehen, einfach weil ich frische Luft brauche (wie gesagt lese ich mir vorher nichts durch, lasse mich erwartungsfrei auf irgendetwas ein; heute hat der Freund, der ausgewählt hätte, abgesagt: Coronaverdacht - ob das die neue typische Ausrede wird?).

Es stellt sich heraus, dass ich aber nichts anderes als Laufen hätte tun können, hierzu. Ich hatte nicht vor, so lange zu laufen - kann das eigentlich gar nicht mal . aber als dieser Beitrag losgeht, kann ich nicht mehr aufhören.

„Königreich des Schweigens“ beschäftigt sich mit dem Militärgefängnis Saydnaya und deren Überlebenden. Von unsäglicher Folter Traumatisierte. Jakob Weingartner interviewt Überlebende einer systematischen Folter, die dazu gedacht ist einen Menschen zu brechen, bis er selber nur böse werden kann, wie einer sagt. Und er interviewt sie nicht irgendwo oder irgendwie. Er interviewt sie im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Und er interviewt sie, indem er mit dem Geräuschemacher Herrn Röhl Geräusche erklingen lässt, die die Überlebenden auf Erinnerungsreisen schicken sollen. In Saydnaya werden den Gefangenen die Augen verbunden oder sie müssen gegen die Wand stehen, sie sehen also nie, wie der Ort aussieht, wo sie sind. Die akustische Parallele zum Hörstück, die Metaebene, ist dadurch gegeben; und sie ist schmerzhaft anzuhören, schmerzhaft zu verstehen. Weingartner erklärt im Interview mit dokKa, dass die Inhaftierten daher eine „geistige Kartographie“ herstellen, besonders dünnhäutig für akustische Signale werden.

Die Menschen, die er sich aussucht, sind - bis auf einen - welche, die gegen das Assad Regime im Prozess ausgesagt haben, daher schon einmal darüber gesprochen haben. Mit der Hoffnung keine Re-traumatisierung, sondern das Gegenteil, Ermächtigung, Befreiung, Zurückschlagen stattfinden zu lassen. Weingartner sagt außerdem, dass er keine „Geisterbahn des Schreckens“ produzieren wollte, wie man sie in Amnesty International Protokollen schon lesen könne. Daher hat er mehrere Ebenen miteinander verwoben: die akustische mit seinen Sounds im Stasi-Gefängnis, das einen besonderen Hall herstellt, die Interviews, und dann Romanausschnitte aus einem Roman, „Das Schneckenhaus“. Letztere sind poetischer, impressionistischer, es solle dadurch die Möglichkeit für Rhythmus, Dramaturgie, ein Ansprechen der Sinne gestaltet werden, so Weingartner.

Soweit das Interview, das ich mir nachher anhörte. Und wie sah das bei mir aus, laufend im Wald? Es tat sehr weh, es ging unter die Haut. Es geht immer noch unter die Haut. Es kann nicht nicht eine Geisterbahn des Schreckens sein. Mir fällt ein, dass ich gestern schon davon sprach, dass es ein Sich Aussetzen geben müsse. Das muss es hier noch mehr, und anders. Die Folter, die die Überlebenden beschreiben, beim Namen nennen, tatsächlich irgendwie sogar aussprechen können, sind nicht noch einmal von mir schreibbar.

Mehrere Male zieht es sich so schlimm in mir zusammen, dass ich noch schneller renne, gegen psychische Schmerzen mit physischen ankämpfend. Irgendwann, alleine im Wald, bei einigen Worten, muss ich laut aufbrüllen. Ich laufe durch Alleen, durch die das Herbstlaub weht, bourdeauxrot, senfgelb, zitronengelb, herrlich und eklig schön gegen die Worte anwehend, die ich höre, passiere Babys in Kinderwägen und Hunde mit großen Augen und möchte sie alle irgendwie beschützen können, vor dieser Realität, vor dem Horror, den Menschen sich antun, vor der man hier - in meiner gemütlichen Berliner Altbau Wohnung, durch meine nichtigen kleinen Single-Daseins-Probleme - so leicht entfliehen kann.

Eine Erinnerung überbietet die andere; ich ertappe mein Gehirn sogar bei dem Gedanken: das ist nicht wahr, das ist alles nur eine Story. Will das denken, weil ich es nicht akzeptieren kann. Und gegen Ende lehne ich gegen eine Wand und weine. Vorsichtig fragt Weingartner, ob er noch weitere Geräusche abspielen dürfe, und einer der Überlebenden sagt: „we can listen, but there are no words.“ Ich höre die Stimmen der Interviewten immer wieder selber erzittern, knirschen, brechen, stottern, stocken, und abbrechen. Das Akustische überträgt sich in meine Physis, ich spüre ihr Trauma durch die Klangwellen hindurch. Ein Schmerzraum wird aufgemacht, der schwer zu umschreiben ist und der sich höllisch komplex und ambivalent zugleich anfühlt.

Komplexität und Ambivalenz, es kommen mehrere Ebenen und Gedankenstränge zusammen, darum: Ich denke an Wittgenstein, der sagt „Wovon wir nicht sprechen können, darüber müssen wir schweigen.“ Er bezieht sich damit auf den Holocaust. Diese eigene, unsere Historie ist auch das, was den Österreicher Weingartner dazu bewegte, dieses Thema angehen zu wollen, sagt er. Und doch soll es keine „Geisterbahn des Schreckens“ sein, es soll eine Dramaturgie haben, einen narrativen Bogen, sinnlich im allerweitesten Sinne. Ich verstehe. Und gleichzeitig werde ich wütend. Geht das? Darf man das? Wir, eben gemütlich, künstlich Kunst herstellen aus dem schlimmsten, dem düstersten, den tiefsten Abgründen menschlicher Grausamkeit? Machen wir hier nicht alle, wie ich einmal den Ausdruck von einem Filmkritiker hörte und nie vergaß: „restaurative Kunst des Guten Gewissens“? Kann man so ein Leid in das Korsett von Dramaturgien und Sinneseindrücke zwängen?

Und gleichzeitig: ich hätte es nicht missen wollen, das zu hören, trotz des Brüllens, trotz des Weinens, trotz der unendlichen Machtlosigkeit, die mich überkommt, trotz dieses erneuten Realisieren Müssens, dass unsere Menschheit das hier ist: ein kontinuierlicher „cycle of violence“. Ich bin auf die abstruseste Art und Weise dankbar, auf die man dankbar sein kann, wenn das irgendwie ein Wort ist, das man benutzen kann (wie man merkt: die richtigen Worte hierfür zu finden, ist noch schwieriger als bei anderen Passagen zuvor.)

Das Schmerzhafteste: dass diejenigen, die dort gefoltert werden, das Foltern weitergeben, dass sie so systematisch gebrochen werden, dass sie selber böse werden müssen. Interviewte beschreiben ihre Kinder zu schlagen, oder sich in den Abgrund zu saufen, und es ist nachvollziehbar.

Und gleichzeitig: Müssen wir also schweigen? Müssen wir darum nicht viel eher sprechen? (Ich denke auch an Foucault der schrieb: nothing less than a cascade of speech is needed) Die Protagonisten des Hörstücks sagen laut „ja“ dazu. Sie bedanken sich dafür, darüber sprechen zu dürfen, sie empfinden es als heilsam, einer sagt, sein Geist ist nicht gebrochen worden, sie haben es nicht geschafft, und er rächt sich für alles, indem er nun eben drüber spricht. Vielleicht muss ich auch nicht mehr sprechen. Ich muss zuhören. Mich aussetzen. Ich bin verpflichtet dazu, auch ich: Im Stück sprechen sie darüber, wie der Bauplan Saydnayas aus Deutschland stammt. Einer sagt, warum nach Europa flüchten wollen, sie haben Wunden und Kugeln unter ihrer Haut von Deutschen und Russen und er verweist auf ihre Handschellen, auf denen „made in spain“ stehe. Europa, wir, sind Teil dieses Grauens. Es gibt kein Weggucken, es darf kein Weggucken geben. Wovon wir nicht sprechen können, da müssen wir hinschauen. Hinhören. Ich bin verpflichtet.

Ambivalenz also, oder wie Weingartner selber sagt: es ist eine Gratwanderung. Wie schwer es ihm selber fällt, ist in seine Gesichtszüge, und in das Beben seiner Stimme eingraviert.

Ein Überlebender sagt, es sei zwar schwer im ehemaligen Stasi-Gefängnis zu stehen, aber es sei zugleich der einzige Ort, den er sich vorstellen könne. Und es gebe ihm Hoffnung: Hoffnung, dass Saydnaya eben auch einmal diese Musealisierung erfahren wird.

Ich werde mit ihm hoffen.

 

 

Träume von Räumen zum Baden

In die Badewanne (weil ich irgendwo neben dem Hausputz auch das Gwenputz hinbekommen muss, und die nächsten beiden Tage dann hoffentlich durchgehend Mitgucker auf meiner Couch sitzen) und dazu „Träume von Räumen“ von Matthias Lintner. Der steht sozusagen in einem Double Feature mit dem Hörstück „Berlin/Brooklyn“, da er sich auch mit der Gentrifizierung in Berlin beschäftigt, allerdings aus einem ganz anderen Blickwinkel, dem komplett Konträren Blickwinkel sogar.

Ein Wohnblock in Berlin, der vor der Sanierung steht. Hier wohnt der Regisseur Lintner selber und porträtiert den Wohnraum und ein paar seiner Bewohner*innen mit großem Feingefühl, Mitgefühl und immer wieder poetischen Gedankenfetzen, offenen Fragen und stimmungsvollen Kameraschwenks.

Der erste Schwenk fährt über die Tür, über einen Baum, das Laub, die Überreste einer Party, Bierflaschen und Liegestühle, und dann hoch, sodass wir den ganzen Innenhof sehen, und das Klavier, dessen Spiel wir bereits gehört haben. Das Klavier interpunktiert den Film, den Wohnblock, die Geschichten, mit seinen sphärischen Klängen und stellt zusammen mit den Bildern eine melancholische, fast rührselige Atmosphäre her. In einer Einstellung des Innenhofes überdeckt mit endlosem gelbem Laub bin ich zurückgeworfen in meine eigene Zeitlichkeit, das gelbe Laub, durch das ich mich momentan auch in Berlin bewege und das ich immer wieder als das Schönste beschreibe, was diese Stadt momentan zu bieten hat.

Lintner porträtiert seine Anwohner mit so viel Empathie und Fürsorglichkeit, dass meine Hoffnung für die Menschheit wieder ein wenig steigt. Wenn auch nicht auf eine gewöhnliche Art. Denn das hier sind keine Gewinnergeschichten. Das hier sind die Geschichten einer aussterbenden Spezies, ganz ähnlich liebevoll und intim erzählt wie bei der großartigen Dokumentation „Manche hatten Krokodile“ (über die Menschen und Sparclubs in den Kneipen von St.Pauli). Man hat das Gefühl, etwas sehr selten Gewordenem über den Rücken und in die Augen schauen zu dürfen.

Die singulären Existenzen, auf die fokussiert wird, die allesamt Pynchon-Romancharaktere oder Wes Anderson Figuren sein könnten (Lintner wird später im Interview erzählen, dass es noch viel mehr gab, aber man sich wegen eines stimmigen Narrativs auf einige wenige konzentrieren musste, die besonders haptisch und vielsagend sind): 

Der meist mit einem ordentlichen Pegel ausgestattete Musiker Raffael Futuro, der gerne Reden schwingt („du bist so, du kannst doch nicht leugnen dass du so bist? Klar hab ich ein Problem damit, dass ich Alkoholiker bin, weil ich immer dieses Scheiß Bier in der Hand hab… aber trotzdem ist es mein Leben… und ich steh dazu…“). Im diesigen Neon-Licht tanzt er Oberkörperfrei mit nur einer Krawatte bekleidet und bewegt seinen Bierbauch in einer fließenden Bewegung, schaut uns dabei eindringlich in die Kamera an.

Koben, eine Italienerin mit zwei großen Doggen, hat „KNAS“ auf die Stirn tätowiert, das A ist ein Anarchiezeichen und stets bedeckt der scheinbar immer selbe schwarze Hoodie ihren Dreads-Irokesen-Kopf. Sie malt ein lila Monster mit Farbe an den Fingern an eine Tür und sagt, wo sie früher lebte, war es schlimmer. Denn es war langweiliger. Mit viel Akribie und Geduld putzt sie die Dielen und füttert ihre Doggen.

Herr Pieper, ein alter Herr mit zerknautschtem Gesicht, dessen Worte untertitelt werden müssen, weil man ihn sonst nicht versteht. In einer Einstellung sehen wir, dass seine Wohnung voller Puppen ist. Die Fräulein bräuchten sich nicht vor ihm fürchten, meint er. Und erzählt, dass der Satan in Kreuzberg wohne.

Der Albaner Vasil Elmazov schüttet Lintner an einem Abend hausgemachten Wein ein und lässt sich von ihm filmen. Er sagt, er würde diesen Wohnblock, in dem schon so viele Wohnungen leergeräumt sind, gerne in ein Studentenwohnheim für albanische Einwanderer verwandeln. Wenn er könnte. Und er fragt, ob er den Film noch sehen wird, bevor er stirbt. Lintner erwidert, er sei ja eher langsam mit dem Filme Machen.

Langsamkeit, Getragenheit, Nachdenklichkeit.

Das drückt sich in allen Lintners Sprachen aus, seiner Bildsprache, Körpersprache und tatsächlichen Schriftsprache auch. Ursprünglich sollte er gar nicht so zentral im Film sein, aber es wird schnell klar, dass er das Verbindungsglied zwischen allen ist, dass es auch um seine Beziehungen zu den Menschen geht. Gerade weil er so einen empathischen Umgang mit ihnen pflegt, sich wirklich interessiert. Es gibt kaum klassische Interview-Situationen, keine Talking Heads, sondern er setzt sich zu den Leuten und quatscht einfach mit ihnen, ganz entspannt, ganz offen. Im Interview erwähnt er, dass er oft an den Ort zurückgeht, an dem jetzt zum Glück wenigstens Herr Pieper nach der Sanierung weiterleben darf.

Lintner reflektiert die Balance zwischen Ausstellen und Bloßstellen, Zur Schau Stellen und Ins Scheinwerferlicht Stellen. Das sind wichtige Fragen, wenn es um so verletzliche, eigenartige Charaktere wie diese geht und er sagt: „Es ist ein Jonglieren“. Sympathisch konfus fährt er sich durchs Haar und antwortet auf eine Frage: „…dieses DDR Ding, zurück wo die Zeit stehen bleibt, … aber ich schweife ab…“, weiß die Originalfrage nicht mehr, und dieses Fragment schon scheint mir sprechend für den ganzen Film zu sein. Eine Kamera, die hier und da scheinbar unmotiviert abschweift, Schwenks, die an Antonioni erinnern, die Räume eröffnen, über leere Räume fahren, einen dafür öffnen, über Raum nachzudenken. Die Idee für den Film entstand sogar durch eine Kameraübung bezüglich des Schwenks. Auch ich lernte in meinem Medienstudium, wie sich Schwenks besonders zum Öffnen von Räumen nutzen lassen. Es ist also durchaus sinnvoll und bezeichnend, sie als Methode und Stilmittel für einen Film zu nutzen, der über Räume nachdenkt. Auch die Doppeldeutigkeit von „Räumen“ eröffnet weitere Gedankenspielräume, diese Räume, die geräumt werden, die geräumt werden müssen.

Aber auch für Stillleben nimmt Lintner sich Zeit, für die Stillleben von Treppenhäusern, über die er sagt, darin sollte man mehr Zeit verbringen. Schatten spielen auf den Wänden und den Treppenabsätzen, auf den alten, schnörkeligen Balustraden. Es ist wahr, Berlin hat die schönsten Treppenhäuser. Immer wieder bin ich in welchen stehen geblieben und habe auf die Marmorböden geguckt, auf die Holzfassaden (es gab die Malerei eines Schmetterlings auf einer Wand in dem Haus des Exfreunds beim Boxhagener Platz in F-hain, die ich mit der Hand berührte, wenn ich vorrüberkam - sie hätte gut dazu gepasst, zu diesen malerischen Sequenzen von Treppenhäusern).

Lintner steht mit dem Rücken zur Kamera und schaut auf eine Fassade. Raffa kommt an, er trägt die V for Vendetta Maske und scherzt herum. Lintner sagt: Elma ist gestorben. Der Albaner Elmazov mit dem Wein, der den Film noch sehen wollte. Polizei kommt ihn aus der Wohnung tragen, sagt er. Raffa sagt mit einer Mischung aus Heiterkeit, Verbitterung, Angst: ja, auch ich werde alleine in meiner Wohnung sterben. Er will Lintner irgendwie aufmuntern, ablenken, und kann es nicht.

In der Sequenz danach sehen wir Lintner, den Kopf auf dem Schreibtisch, gebeutelt vom vielen Nachdenken, nachdenken über seinen Schreibprozess, die Gedanken, die er fasst: „Schreiben: peinlich genau versuchen, etwas überleben zu lassen.“ (Besser hätte er auch meinen eigenen Schreibprozess nicht ausdrücken können! Ich fühle mich sehr nah, all diesen Bildern und Worten, das möchte ich gerne mitteilen, denke ich, während ich zuschaue, zuhöre.) Irgendwo irgendeine Spur, eine Furche hinterlassen. Er möchte damit etwas festhalten, für die Ewigkeit. Auf dieselbe Art möchte er Räume haben, Räume, die unwandelbar, unberührbar, verwurzelt sind, die für immer feststehen bleiben, wie die geschriebenen Worte großer Dichter. Aber er stellt fest, dass es die nicht gibt. Stattdessen wird der Raum zur Frage und zum Zweifel.

Aber auch deshalb macht man wohl Filme, um diese Räume festzuhalten, diese Erinnerungen, Fragen und Zweifel. Bestenfalls gräbt sich der Film tief in die Furchen meines eigenen Gehirns, meiner eigenen Erinnerungen ein, und wird somit Teil meiner Physis. Es fühlt sich schon so an, als ob die Figuren dieses Films, diese Menschen, ähnlich wie andere, die ich sah oder über die ich las oder von denen ich hörte, Teil meines Körpers, meines Erfahrungsraums sind. Und ich das wiederum weitergebe. Räume in Bewegung.

Kisten werden gepackt, man macht sich bereit zu gehen. Schließlich müssen doch alle gehen, die Wohnungen räumen. Es fühlt sich an wie nach einer jahrelang dauernden Partynacht, der Morgen nach einem nicht enden wollenden Exzess, der nun sein Ende findet. Im Interview sagt Lintner er sei nach Kreuzberg gezogen. Ich muss an Herrn Pieper denken, ob der Satan ihn da wohl holt? Im Zusammenhang mit dem zuvor gehörten „Königreich des Schweigens“ wünsche ich mir bitterlich mehr solche Menschen wie in diesem Film, bzw. mehr solche, die mit so einer Feinfühligkeit erzählt und zu Wort gelassen werden, die so geliebt werden. Ich habe das Gefühl, dass es weniger Krieg, Gewalt, Grausamkeit geben könnte, wenn wir mehr Nicht-Klarkommer hätten, mehr, die es eben nicht hinkriegen, mehr Loser braucht die Welt, denke ich gedankenverloren. Aber es ist nur so ein müder Gedanke, nach einem langen Tag, keine Lösung. Noch etwas, was ich vielleicht revidieren werde.

 

Wieder bin ich viel zum Nachdenken angeregt worden, musste viele offene Fragen aushalten. Dazwischen gab es Qui Gong vom dokKa, der beruhigend wirkte, zwischen den ganzen Gedanken und den verschmerzten Muskeln, und den dokKa Treffpunkt zum Austausch über die Filme via Zoom, sowie den dokKa-extra senses! Spüren als Praxis, eine Kooperation mit der Architekturfakultät, bei der Sinnesorgane digital dargestellt und nachempfunden wurden; in kurzen Filmen, die man auch auf der Homepage anschauen kann.

Es ist nach Mitternacht, ich würde gerne noch mehr auch auf all das eingehen, auf so viel mehr, aber es wird wiederum noch so viel mehr geben und der Kopf ist schwer.

Morgen werde ich mein Handy auf Flugmodus stellen, wie im Kino, wenn ich die Filme sehe, denn ich will nicht wieder an eine fällige Rechnung erinnert werden, wenn gerade gesagt wird, dass der Elma gestorben ist, wenn schon so viel in mir aufgewühlt und woanders ist. Ich bin zuhause, aber ich bin auch in dem Ausnahmezustand, über den ich gestern schrieb, in diesem Modus, in dem ich besonders aufnahmefähig und dünnhäutig werde, ich nehme auch meine eigene Umgebung stärker wahr und verwebe sie mit den Erzählungen der Filme und Hörstücke. Es ist schon nach zwei Tagen ein eindrücklicher Prozess, der noch lange bei mir bleiben wird.

Bald mehr, bis morgen.

 

 

Gwendolen van der Linde