Pack dir eine Regenjacke ein

Lara und Vital studieren Literarisches Schreiben an der Uni Hildesheim und sind zum dokKa-Festival nach Karlsruhe gefahren. Am ersten Tag berichten sie über ihre Ankuft in Karlsruhe und die Eröffnung.

 

Erster Festival Tag

Kleines aber feines Jubiläum

30.05.2018 - „Pack dir eine Regenjacke ein.“, sage ich zu Vital, nachdem ich mir den Karlsruher Wetterbericht angeschaut habe. Einen Tag später sitzen wir bei 35 Grad im Auto, irgendwo zwischen Hessen und Hessen, ein nicht enden wollendes Bundesland und Vital bespritzt mich regelmäßig mit Wasser aus seiner gelben Sprühflasche und ich habe es jetzt tatsächlich nötiger als seine Petersilie, die nun vermutlich langsam in seinem Waschbecken vor sich hin trocknet. Später werden wir erfahren, dass es hier, denn es bleibt so, auch als wir Karlsruhe endlich erreicht haben, immer so ist und als würde man einen Deckel über die gesamte Region wie über ein Glas stülpen. Die Hitze kommt und bleibt und wir werden es das dokKa Wetter nennen, so wie es das Team tut, das schwören könnte, es habe noch nie geregnet, wenn die Festivalbesucher von der Kinemathek zum Zelt strömen, um den anschließenden Diskussionen zu lauschen. Bevor es jedoch richtig losgeht, treffen wir uns mit Nils Menrad, dem Festivalleiter im Emaille Café. Er wirkt ruhig und klar, trotz der bevorstehenden Tage und unserer offensichtlichen Nervosität. Wir brauchen alle Koffein, ich halte Ahornbäume für Pappeln, uns kratzt es allen im Hals und in der Hecke schüttelt ein Spatzenkind sein Gefieder, noch zu klein, um seiner Mutter zu folgen, aber putzmunter. Das dokKa hat die Existenzkrise überwunden, erzählt Nils. Es bleibt aber ein fragiles Gerüst. Und ich denke, wieviel Leidenschaft wohl in so viel Arbeit stecken muss.

17:00 Uhr. Zwei Stunden vor der Eröffnung, einen ertrunkenen Espresso und eine Cola später unterhalten wir uns mit einem anderen Festivalbesucher über die Filme, die immer weniger werden: die Mutigen, die Kritischen. Er hofft, dass zumindest bei der dokKa noch welche dabei sind und freut sich vor allem über den Eröffnungsfilm, Aggregat von Marie Wilke. Ich denke vor allem erstmal an Aggregatzustände, meiner: flüssig.

„Sind die Menschen immer noch so manipulierbar?“, fragt er sich. „Das sind sie immer.“, sagt Vital. Und ich werde noch später, während der Vorstellung von Aggregat, darüber nachdenken, während auf der Leinwand die BILD Redaktion über muskulöse Kampfhund-Chihuahuas redet und Pegida-Anhänger Deutschlandfahnen schwenken.

Wir sehen zu wie sich der Vorraum langsam zu füllen beginnt und werden von sekteinschenkendem Personal über die Vergangenheit der Kinemathek aufgeklärt. Seit 1974 bestehend und drei Umzüge überstanden, befinden sie sich nun hier im Gebäude, leider nach wie vor ohne Klimaanlage. Die Farbe des Lichts im Foyer ändert sich stetig von Gelb zu Blau und wieder zurück. Zwischen den Besuchern werden Umarmungen des Begrüßens und Worte des Kennenlernens ausgetauscht, während Sektperlen Glasränder hinabrinnen. Bis irgendwann die Türen des Kinosaals geöffnet werden und uns Zutritt gewährt wird.

Die Kinositze sind blau und wunderbar weich, wir sinken tiefer und ich finde, der Raum hat einen eigenen Geruch, vielleicht etwas muffig, aber nicht gesetzt, eher frisch. Muffig frisch. Und während ich vom Geruch zu dem beruhigenden Blau der Wände komme, erzählt Nils von einem neuen Projekt, das den Kinoraum künstlerisch hör-und erfahrbar machen soll, auch um ihn zu wahren, als besonderen Ort der Zusammenkunft. Am Sonntagabend kommt also das erste Mal ein Audiokünstler aufs dokKa und ich glaube wir werden ganz vorne sitzen.

„Kleines aber feines Jubiläum.“

So heißt es in der ersten kurzen Rede Frau Asche denn das dokKa feiert fünfjähriges Bestehen. Danksagungen werden ausgesprochen, Jury und Mitwirkende werden vorgestellt. Und nachdem die letzten Nachzügler eingetrudelt sind, startet der Eröffnungsfilm des Wettbewerbs.

„Superreich und ausgebrannt.“

Lügenpresse, schreien sie, Lügenpresse. Und einige Zuschauer stehen auf oder rufen etwas, sei es wegen der Hitze, der inneren oder äußeren oder weil sie der Film überfordert. Einige fragen sich später: Warum hat dieser Film das Festival eröffnet. Vielleicht grade deswegen? Lange, unbewegte Kameraeinstellungen zeigen Fragmente, Beobachtungen, die viel Raum für Bedeutungen lassen, die, so auch die Künstlerin, im Endeffekt jeder für sich selber hineinlegt.

Neben dem Zelt steht eine Shisha-Bar, Autos lassen ihre Motoren aufheulen und brettern durch den Tunnel, neben der Kinemathek, irgendwo spielt jemand die Black Keys und die Hitze ist immer noch omnipräsent. Weitere vier Tage erwarten uns, und ich kann schon nicht mehr genau sagen, ob heute Morgen nicht schon gestern war und alles verschwimmt vor lauter Eindrücken. Abends stehen wir beide am Fliegerplatz. Ein Gewittert leuchtet in der Ferne und zuckt über den Himmel, so weit weg, dass es das dokKa Wetter nicht gefährden wird. Vielleicht, und das wäre gar nicht so schlecht, sorgt es aber für eine kühle Brise.

(Ps. Lieber Mai, nur mal so generell, für die Zukunft: lass es langsam angehen. Das Kino braucht es eigentlich noch kühl im Frühjahr. Dann macht es nämlich noch mehr Spaß. Sagt auch das Kinemathek Team.)